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20150609

Paddeln auf der Weser - Eine Flusswanderung


Wie schön muss dieser Fluss erst bei Sonne sein!


„Wo Werra sich und Fulda küssen, sie ihren Namen büßen müssen.“ Aus beiden entsteht die Weser. Dieser Punkt auf der Landkarte, den wir mit dem Auto ansteuern, heißt Hannoversch Münden (Hann. Münden) und liegt nordöstlich von Kassel. Hann. Münden nennt sich „Dreiflüssestadt“. Vergleicht man das mit Passau, wo wirklich drei Flüsse zusammentreffen, ist es natürlich ein bisschen gemogelt.

Der Punkt, wo Werra und Fulda sich küssen und damit die Weser entsteht.


Wir, eine Gruppe von vier Kanuten aus Österreich, haben vor, genau bei Flusskilometer null zu starten und dann mal zu schauen wie weit wir in fünf bis sechs Paddeltagen kommen.



Montag:

Nach sieben Stunden Autofahrt heißt die erste Aktion zunächst mal Quartiersuche. In unserem Führer ist eines angegeben, das neben der Einstiegsstelle liegt. Weil es leicht regnet und im Hof zwischen Fahrradboxen Platz für unsere Kajaks ist, schlagen wir gleich zu. Der Besitzer ist sehr freundlich und zuvorkommend, das Preis-Leistungsverhältnis bei der Zimmermiete ist es weniger. Wir schlürfen ein Bier und besichtigen die wunderschöne Stadt mit ihren attraktiven Fachwerkhäusern, fallen bei einem Inder ein und genehmigen uns ein gutes Abendessen.



Dienstag:

Aufstehen, reichliches Frühstück, Boote auf Bootswagen zur Einstiegsstelle – eine Treppe – ziehen, Packordnung überprüfen, einsetzen und los geht’s! Noch wissen wir es nicht, aber es werden bis Sonntag 202,2 km werden, bevor wir in der Stadt Minden unsere Boote auf dem Transportwagen für die Rückfahrt zu unseren Autos verzurren.

Für die ganze Woche ist Schlechtwetter prognostiziert. Wir stellen uns auf das Schlimmste ein, das dann nicht eintritt. Wir haben meist bewölkten Himmel und Temperaturen um die 17° C mit vereinzelten Regenabschnitten, Wind und manchmal – sehr manchmal – sogar Sonne.



Die Weser hat eine gute Strömung und wir kommen trotz zeitweiligem Gegenwind zügig voran. Ohne Anorak geht heute nichts. Die Temperatur ist ideal zum Paddeln, aber weniger geeignet für Ruhepausen. Bei km 18,8 lächelt uns das Restaurant „Klostermühle“ an, das eine schöne Ausstiegsmöglichkeit bietet und wir kehren zwecks Mittagessen und Flüssigkeitsaufnahme ein.

Unser heutiges Ziel ist Bad Karlshafen, das bei km 44 liegt. Als wir nach einer ruhigen Fahrt, die von Regen bis Gegenwind alles bietet, dort ankommen, stellt sich heraus, dass alle Hotels geschlossen sind und Zimmervermieter eher an Kurgästen als an verschwitzten Paddlern interessiert sind. Noch dazu wo es nur um eine Nacht geht. Diese Erfahrung sammeln wir, indem jeder von uns an einem anderen Ufer und in einer anderen Ecke sucht und die Koordination Probleme macht. Wir beschließen, in Zukunft vorher exakt zu vereinbaren, wer im Moment wo und wofür zuständig sein soll. Als wir feststellen, dass sich hier nichts für uns auftun wird, bin ich schon leicht unterkühlt und klappere mit den Zähnen. Wir steigen wieder in unsere Boote und fahren bis km 47, wo wir in einem kleinen Ort namens Herstelle, gleich neben einer Fähre an einer guten Ausstiegsrampe fündig werden. Der Tupfen auf dem „i“ ist, dass wir in unserer Herberge auch noch etwas zu essen kriegen. Ein kühles Bier ist auch dabei. Unsere Körper verlangen nach Flüssigkeit. 



In Herstelle erfahren wir auch, dass die Weser immer wieder mal Hochwasser führt, das den Bewohnern in den letzten Jahren mehrmals große Probleme bereitet hat. Wir plauschen noch ein wenig und dann geht es früh zu Bett.

Mittwoch:

Wir bekommen ein gutes Frühstück, das Gerald aber wenig nützt, weil er mit Kopfschmerzen aufgewacht ist und nichts hinunterbringt. Wir überreden ihn zu einem Aspirin und beschließen, unseren Aufbruch ein wenig zu verschieben. Erich und Erwin föhnen inzwischen ihre Neoprenschuhe. Nach erstaunlich kurzer Zeit fühlt sich Gerald in der Lage, weiter zu fahren. Diesmal wird es eine ruhige, schöne Fahrt, bei angenehmer Paddeltemperatur. 



Nun ist zwischendurch sogar soviel Sonne dabei, dass Sonnencreme angebracht ist. Mittags kehren wir in einem Gasthaus in Wehrden ein, das auf Flusskilometer 60 liegt. Dann geht es weiter bis Holzminden, wo wir beim Kanu-Klub Holzminden (Flusskilometer 80) gleich hinter einer Brücke anlanden. Hier dürfen unsere Kajaks über Nacht schlafen, während wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft machen, was gar nicht so einfach ist. In einem ausgebuchten Hotel, gleich neben der Weser, findet sich freundliches Personal, das sich auf die Suche nach freien Zimmern in der Umgebung macht. Wir erfahren, dass uns ein zwei Kilometer entferntes Hotel aufnimmt und machen uns mit unseren schweren, wasserdichten Bootssäcken, in denen wir unser unverzichtbares Hab und Gut verstaut haben, auf den Weg. Die Idee dabei ist, das erste Taxi aufzuhalten, das uns über den Weg läuft. Fünfundzwanzig Minuten lang ist das nicht der Fall. Dann sind wir nach einer Abkürzung durch einen Park zu Fuß am Ziel. Durch die Schlepperei sind unsere Arme um gefühlte fünf Zentimeter länger geworden.

Frisch geduscht und umgezogen verlassen wir unsere schönen Zimmer und marschieren diesmal unbeschwert zurück in die Stadt. Einige von uns wollen Geld nachfassen, müssen aber erkennen, dass es im Zentrum von Holzminden zwar Banken gibt, aber keine Geldautomaten! Ein Hinweisschild an einer Bank führt uns schließlich zu einer Poststelle, die so ein Gerät aufweist. Damit haben wir den Schlüssel zum Abendessen in einem Restaurant, wo wir uns für den nächsten Tag stärken, bevor wir uns wieder auf den inzwischen sattsam bekannten Weg zu unserer Unterkunft machen.

Donnerstag:

In der Früh nehmen wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück ein Taxi, weil wir unsere Kraft nicht schon vor dem Einstieg vergeuden wollen. Ein netter Fahrer bringt uns zu unseren Booten und wir starten in den neuen Paddeltag. Es läuft gut, wenn auch regelmäßig von Regen und/oder Gegenwind unterbrochen. Es ist relativ warm. Am Ufer sehen wir – wie auch schon auf der bisherigen Tour – immer wieder Pferde, Kühe, Schafe. Auch fallen uns unzählige Windräder auf. 



Wir passieren den „runden“ Stromkilometer 100 und landen kurz vor km 111 links auf einer Schotterbank an. In einem nahe gelegenen Gastgarten verdrücken wir ein „Brötchen mit bayerischem Leberkäse“. Erich genehmigt sich wieder einmal zusätzlich einen Kuchen. Wir alle rätseln, wie er es schafft, dabei so schön schlank zu bleiben!

Gesättigt und ausgeruht beschließen wir, heute noch bis Hameln zu fahren und damit heute 54 Paddelkilometer zu machen, was bei häufigem Regen, Gegendwind und manchmal hohen Wellen gar nicht so selbstverständlich ist. Unser Flussführer verrät uns, dass wir bei Stromkilometer 120,3 auf unserer Fahrt nach Norden den Breitengrad 52°00'00“ passieren.

Bei km 125 geht es nahe an einem Kernkraftwerk vorbei. Aus einer der Anlagen am Fluss strömt weißer Schaum, der uns kilometerweit begleitet. Das ist dann besonders ekelig, wenn wir starken Regen unter Weiden im Kehrwasser abwettern müssen, wo wir mitten in dieser Brühe stehen.



Schließlich nähern wir uns bei Regen dem Kanu Club Hameln (km 134,3). Vorher kommen uns mehrmals Drachenboote (Drachenboot: langes, offenes Paddelboot, das ursprünglich auch China stammt und von einem ganzen Haufen Sportlern mit Stechpaddeln vorwärts bewegt wird. Manche Taktgeber machen dabei mit Trommeln oder lauten Rufen einen Riesenlärm) entgegen und auch der Anlegesteg des Kanu-Clubs ist von ihnen besetzt. Daneben werden am Steg laufend Ruderboote herausgehoben und es ist gar nicht so einfach, sich einen Platz an der Landeplattform zu erkämpfen. Beim Ausladen der Boote schüttet es immer noch und es ist auch ziemlich kühl. Dann kommt die Überraschung: Der Platzwart weigert sich, entgegen internationaler Regeln, unsere Kajaks auf dem Clubgelände für diese Nacht lagern zu lassen. Gott sei Dank mischt sich eine Dame ein, die hier etwas zu Reden zu haben scheint und entscheidet zu unseren Gunsten. Diese Dame beschreibt uns dann auch den Weg zu unserem Hotel, in dem wir nach einem zwanzigminütigen Fußmarsch mit unseren Bootssäcken müde, nass und durchfroren einlangen.

Diesmal brauchen wir eine Stunde, bis wir uns geduscht und umgekleidet wieder an der Rezeption treffen. Unsere Anoraks, Hosen, Spritzdecken und Fleecewesten hängen inzwischen über Heizkörpern oder auf Tischen in unseren Zimmern und trocknen vor sich hin. Wir borgen uns zwei Regenschirme aus und erkunden Hameln. Es ist eine reizvolle Stadt mit wunderbaren Gassen, Fachwerkhäusern, Plätzen und Kirchen. Dass der Rattenfänger immer und überall in Form von Gasthausnamen, Straßenschildern, Bildern, Skulpturen etc. zu finden ist, braucht nicht erwähnt zu werden. Abendessen ist diesmal mexikanisch. Den Tipp für das Lokal erhalten wir von einem jungen Paar, das wir auf der Straße gefragt haben.



Freitag:

Grandioses Frühstück, Aufsammeln und Packen unserer Boote, Anruf beim Schleusenverantwortlichen und schon befinden wir uns in der Schleuse von Hameln. Alles ganz unkompliziert. Ein Lob dem netten Schleusenwart! Alternativ hätte es noch eine Umtragemöglichkeit und eine Bootsgasse gegeben. So hat man uns aber eine bequeme Abstiegsmöglichkeit ins Unterwasser geboten. Als sich Erich aber einmal kurz das Festhalten an der schlammigen Abstiegsleiter ersparen will, wird er - nicht ganz zu unrecht ;-) - geschimpft.

Nach ein paar Minuten in der Schleusenkammer geht es bei dem in dieser Woche üblichen Wetter zügig weiter. Nach 10 km machen wir eine kurze Rast auf einer Schotterbank. 



Hier beschließen wir, bis Rinteln (km 163) zu fahren, wo in unserem Flussführer der Rintelner Kanu-Club mit Schwimmsteg angegeben ist. Es stellt sich heraus, dass es sich um ein sehr schönes Clubgebäude mit gepflegtem Rasen handelt. Der Clubwart ist nicht da. Schild: „Pause bis 16.00 Uhr“, aber die Toiletten sind geöffnet. Wir beschließen, die Boote inzwischen hier liegen zu lassen, uns eine Unterkunft zu suchen und um 16.00 Uhr wieder zurück zu kommen. 



Weil der Weg in die Stadt um eine Badeanlage herumgeht, empfiehlt uns eine Dame, eine Abkürzung am unteren Rand des Badegeländes. Ein freundlicher Platzwart lässt uns beim Haupteingang hinaus. Er sieht, dass wir schwer an unseren Bootssäcken schleppen. Gleich hinter der Brücke finden wir eine gute Unterkunft und nach unserem gewohnten Säuberungsritual geht es gemeinsam zurück zum Kanu-Club, um uns anzumelden. Was dann folgt passt gar nicht zum hübschen Erscheinungsbild des Clubs. Der Platzwart lässt uns zunächst warten. Dann begrüßt er uns, den Rücken zugewandt, indem er an einem Staubsauger herumfummelt. Ohne sich uns zuzuwenden schickt er uns in einen Nebenraum, wo er uns wieder einige Minuten warten lässt. Als er uns in einer anderen Ecke des Raumes, in der er aus einem verborgenen Gang heraus plötzlich auftaucht, Gläser spülend, wieder ohne uns anzuschauen, empfängt, kriegen wir die Mitteilung, dass wir unsere Boote hier liegen lassen dürfen. Wir haben keine Ahnung, was wir falsch gemacht haben.

Bevor wir wieder in die Stadt gehen, unterhalten wir uns mit einem älteren Herrn, der uns bereits in Hameln aufgefallen war. Er ist alleine mit einem Faltboot-Zweierkajak unterwegs und schlägt hier sein Zelt auf um zu übernachten, bevor er die Tour hier beendet. Auf dem Weg in die Stadt nehmen wir wieder den langen Weg, weil wir auch unsere Beine trainieren wollen.

Samstag:

Schon beim Aufstehen die Überraschung des Tages: Es ist Sommer! Beim Frühstück legen wir als Ziel für heute den Campingplatz in Vössen (km 187,4) fest, damit uns für Sonntag noch 15 Flusskilometer bis Minden bleiben, wo wir am selben Tag noch nach Hann. Münden rückgeholt werden.

An unserem heutigen, vorletzten Tag auf der Weser, haben wir lange Zeit Sonne. Es ist eine herrliche, meditative Fahrt. Nach 13 km machen wir Rast auf einer Schotterbank und genießen die Sonne.



Die Weiterfahrt hat es dann aber in sich! Wir haben kilometerweit extremen Gegenwind, zum Teil mit sehr hohen Wellen. Wir versuchen diese Unbill in Ufernähe abzufangen. Später sind wieder unsere Anoraks gefragt. Es setzt Regen ein. Wie gewohnt, wettern wir die Phasen mit Starkregen unter Weidenbüschen ab. Erwin hat einen guten Blick für geeignete Plätze.

Am Campingplatz in Vössen suche ich die Verwaltung, bekomme aber mitgeteilt, dass es sich um einen privaten Platz handelt, der keine Verwaltung hat. Man hat aber nichts dagegen, dass wir unsere Boote nahe der Slipanlage für eine Nacht liegen lassen. Wir marschieren zu unserem telefonisch avisierten Hotel, das wir in unserem Flussführer gefunden haben und das in einem Viertelstunden-Fußmarsch erreichbar sein soll. Es gehört einem Österreicher, den es hierher verschlagen hat. Das Hotelrestaurant wirbt mit österreichischer Küche! Wir werden nicht enttäuscht.

Sonntag:

Heute ist wirklich Sommer. Und zwar den ganzen Tag. Gut, bis auf den Regen am Abend, aber wir sind in dieser Beziehung bereits sehr bescheiden.
Etwas später als sonst ziehen wir die Boote ins Wasser um unsere Abschlussfahrt zu machen. Gemütlich schaukeln wir die letzten 15 km auf den Wellen in Richtung Minden und und freuen uns über die Sonne. Fünf Kilometer vor dem Ziel entdecken wir eine Schotterbank und machen eine letzte Rast am Wasser. Noch einmal saugen wir den Duft der Weser ein. Gegen Mittag landen wir am Steg des „Faltboot- und Skiclub Minden“ an, ziehen die Kajaks an Land und bereiten sie für den Rücktransport nach Hann. Münden vor. Auf einer Wiese habe ich viel Platz für den Abbau meines Klepper-Aerius-Langeiners. Weil sonst alles zu glatt gegangen wäre, ruiniere ich mir beim Ausziehen meines Anoraks noch meine Brille. Ich werde mir heute die Speisekarte vorlesen lassen müssen.

Alte Schiffsmühle in Minden


Unser Rückholservice hat die Ankunft des Wagens mit dem Bootsanhänger für 15 Uhr angekündigt und somit bleibt uns noch Zeit für die Besichtigung des Stadtzentrums. Heute ist in Minden „Autosonntag“. Alle Geschäfte sind offen und auf allen Plätzen sind Autos ausgestellt. Wir spazieren durch die Gegend, wundern uns über die Massen, die von einem jenseits der Weser gelegenen Parkplatz über eine Fußgängerbrücke herüberwandern und verspeisen in einem Schanigarten auf einem belebten Platz Waldbeeren-Waffeln mit Eis.

Kaum zurück auf dem Clubgelände biegt auch schon der Rückholdienst um die Ecke. Der freundliche Fahrer hilft uns beim Verzurren der Boote und dann geht es auf die zweieinhalbstündige Reise zurück an den Ausgangspunkt unserer Fahrt. Dabei kommen wir oft an den Orten vorbei, die wir in den letzten Tagen vom Fluss aus erlebt haben.



Erich verabschiedet sich noch am selben Abend, um nach Berlin zu fahren, wo sich seine Familie gerade aufhält und wir suchen uns eine Unterkunft, die wir dann auch unerwartet schnell finden. Bei der anschließenden Stadtbesichtigung bemühen wir uns, keine Fotos zu machen, die wir schon bei unserer ersten Ankunft in Hann. Münden geknipst hatten. Es gelingt teilweise :-)

Montag:

Rückfahrt nach Österreich. Das Wetter wird mit jedem zurückgelegten Kilometer besser. Für diese Woche ist sowohl zu Hause als auch auf der Weser sommerliche Hitze angesagt.

Was es sonst noch über die Weser zu sagen gibt:

Die Weser ist ein lohnender Fluss, mit guter Strömung unf vielen Aussetz- und Einsetzsstellen für Kajaks. Große Teile des von uns befahrenen Abschnitts der Weser wirken noch sehr natürlich und man kann überall Rückbaumaßnahmen erkennen. Wir haben in den Uferbereichen unglaublich viele Pferde gesehen. Immer wieder sind Herden mit grasenden und wiederkäuenden Kühen oder große Schafherden zu beobachten. Es gibt Reiher, über dem Wasser kreisende Raubvögel, Enten und Schwäne. Es gibt überall grüne Ufer, auch dort, wo man laut Karte eigentlich verbautes Gebiet vermuten würde. Sehr sympathisch ist die „Gelbe Welle“, das sind Schilder mit einem Wellensymbol, mit denen ausgedrückt wird, dass Paddler hier willkommen sind. Eine wunderbare Orientierung für Flusswanderer. Manchmal kommt uns ein Passagierschiff entgegen, das mäßige Wellen verursacht. Auf unserem Streckenabschnitt ist die Weser bis auf ein Wehr in Hameln frei fließend, mit vielen Mäandern und auch Schotterbänken.

Die Weser bei Minden

20130704

Schnuppern bei der TID

Mit der TID von Ingolstadt bis Wilhering

Die Donauanrainerstaaten


Die TID ist eine einmal jährlich stattfindende „Tour International Danubien“ von Ingolstadt (Deutschland) bis Sf Gheorghe am Schwarzen Meer (Rumänien), mit dem Ziel, die Donauanrainerstaaten sportlich-freundschaftlich zu verbinden.


2013 hat die TID zum 58. Mal stattgefunden und ich wollte diesmal dabei sein. Wenigstens ein Stück des ab Ingolstadt noch 2455 km langen Weges dieses völkerverbindenden Stromes bis zu seiner Mündung im Schwarzen Meer.



Es versteht sich von selbst, dass alles hier Angeführte nur die subjektiven Eindrücke eines Teilnehmers sind, die keinerlei Anspruch erheben, Geist und Organisation der TID auch nur annähernd abzubilden. Vielleicht ist dieser Bericht aber für den einen oder anderen Kanuten oder Ruderer eine Entscheidungshilfe, es einmal selbst mit der TID zu versuchen.

Abendstimmung

Die Anreise

Dankenswerterweise nimmt meine Frau es auf sich, sowohl mich, als auch meinen Aerius Langeiner Kajak von Klepper und meine Bootssäcke mit Ausrüstung von Leonding bei Linz, in Österreich, nach Ingolstadt zu fahren und dann abzuwarten, ob ich es – wie eine Brieftaube – wieder schaffe, irgendwie nach Hause zurückzufinden.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Gasthof „Auwaldsee“ setzt sie mich am Zeltplatz des Bootshauses aus um nach Hause zu eilen, wo am Wochenende eine ganze Latte von Sommerfesten stattfinden, an denen eigentlich auch ich hätte teilnehmen sollen.

Erste Eindrücke

Der Tag meiner Anreise ist Freitag. Die 58. TID soll, nach ihrer offiziellen Eröffnung am Samstagabend, Sonntagfrüh losgehen. So habe ich viel Zeit, meine ersten Eindrücke noch am Trockendock zu sammeln. Das erste, was mir auffällt, ist, dass die TID zum großen Teil aus „Alten Hasen“, natürlich auch Häsinnen, besteht, die einander oft schon seit Jahrzehnten kennen. Manche von ihnen kommen zur Eröffnung nach Ingolstadt, ohne anschließend mitzufahren, nur um alte Bekanntschaften aufzufrischen. Manche sind bei der Eröffnung dabei und steigen erst später auf einer Teilstrecke durch irgend ein südöstliches Land ein. Ich treffe PaddelkollegInnen, die schon seit mehr als 20 Jahren dabei sind.

Clubgelände in Ingolstadt


Ein Ehepaar aus Österreich spricht mich an und wird damit für mich als TID-Neuling zum sozialen Brückenkopf in dieser großen Gemeinschaft. Die beiden erzählen mir von ihren Erfahrungen als Paddler und als langjährige TID-Vertraute.

Um uns seelisch auf die nächsten Tage vorzubereiten, öffnet der Himmel bereits am Vormittag zeitweilig seine Schleusen. Gerade als ich meinen Plan, zu Fuß die Innenstadt zu besuchen, aufgeben will, kommt die Sonne durch. Meine neuen österreichischen Freunde laden mich ein, mit ihnen den etwa zwei km weiten Weg in die Stadt zu gehen, was ich gerne annehme. Dort angekommen, essen wir am Viktualienmarkt unsere Weißwurst mit Laugengebäck-Brezen und dopen uns für den nächsten Tag mit einem kleinen Bier. Klein heißt in Bayern ein halber Liter. Um meinen Begleitern und ihren Freunden, die sie in der Stadt inzwischen getroffen haben, nicht auf die Nerven zu fallen, bedanke ich mich für die Begleitung und mache mich alleine auf, die Stadt zu besichtigen. Es findet gerade ein großes, sympathisches Multikultifest mit Essen, Tanz und Gesang statt, wo ich bei ein paar der angebotenen süßen Imbisse nicht widerstehen kann.

Samstagabend ist der Zeltplatz bereits gerammelt voll und mein auf dem Bootswagen ruhendes Kajak neben meinem kleinen Zelt ist hoffnungslos zugeparkt. Macht aber nichts, weil nächsten Tag ohnehin alle miteinander aufbrechen. Neben sozusagen „normalen“ Booten fallen mir viele Wasserfahrzeuge auf, deren Kapitäne ein gewisses Bastlertalent offenbaren. Vom selbst mit LKW-Planenstoff überzogenen Faltbootgerippe bis zur komplizierten Besegelungen mit Auslegern ist alles dabei. Im Laufe der nächsten Tage werde ich mit den mehr oder weniger guten Fahreigenschaften der einzelnen Boote vertraut werden. Es sind übrigens nicht nur Kanuten, sondern auch Ruderer dabei. Nach der TID ist man ganz sicher Experte in Boots- und Ausrüstungsfragen fürs Flusswandern.

Marke Eigenbau
 

Hauptsächlich wegen der langen Zeit, die eine Befahrung der ganzen Donau erfordert, und wegen der langjährigen Teilnahme vieler, liegt der Altersschnitt der TID-ler relativ hoch und wir alle sind froh um sechs AbiturientInnen aus Deutschland, die sich heuer den Donauwellen auf Ruderbooten anvertrauen. Diese jungen Leute und ein Vierjähriger, der mit seiner Mama ein Teilstück mitfährt, bevor die beiden das Abenteuer dem Papa alleine überlassen, helfen, den Altersschnitt ein bisschen zu drücken. Andererseits freue ich mich, mit meinen stark zum Weiß tendierenden verbliebenen Haaren bei der TID altersmäßig nicht sonderlich aufzufallen.

Sicherheitsschulung

Um 17 Uhr gibt es eine Sicherheitsschulung. Ich beneide den Mann nicht um seine Aufgabe, den mehr als hundert mit allen Wassern gewaschenen Individualisten grundlegende Sicherheitsfragen zu vermitteln. Er macht das aber extrem gut und bringt fast alle dazu, auf der Fahrt ihre Schwimmwesten zu tragen. Ich selber habe das bisher nur gemacht, wenn es – z. B. bei Schleusungen – unumgängliche Vorschrift war. Jetzt sehe ich es etwa so wie das Tragen eines Sicherheitsgurts, den man ja auch hoffentlich nie braucht, der aber ganz nützlich ist, wenn es mal kracht. Außerdem ist man die Sorge los, wo man das voluminöse Ding im winzigen Boot verstauen soll. Es gibt Hinweise zu den grünen Bojen links und den roten rechts, Hinweise auf Riesenschiffe, die sich lautlos von hinten nähern, Hinweise auf den mehrere hundert Meter weiten Toten Winkel von Frachtern, was uns endgültig davon überzeugt, lieber selber zu reagieren als unsere Sicherheit in die Hände der Steuermänner der großen Schiffe zu legen. Wir werden mit der frappierenden Eigenschaft von Bojen und Brückenpfeilern vertraut gemacht, sich bei starker Strömung wesentlich schneller zu nähern, als man das je vermuten würde und über sinnvolles Verhalten bei aufziehenden Gewittern. Nicht uninteressant sind auch Informationen über das, was uns durch den zurzeit hohen Wasserstand der Donau bei Bootsgassen und Umtragestellen erwartet.

Nach dieser Schulung kommen noch Informationen darüber, was sich die deutsche Flussbürokratie, so alles ausgedacht hat, um die TID-Paddler zu quälen, z. B. Links oder Rechtsfahrgebote auf bestimmten Flussabschnitten oder Zeitfenster, die von TID-Fahrern auf Teilstrecken eingehalten werden müssen und welches Verhalten von uns bei Schleusungen erwartet wird. Lernt man die Strompolizei bei den abendlichen Empfängen näher kennen, stellt sich aber heraus, dass das eigentlich ganz nette und umgängliche Leute sind. Wie schauen lebensfremde Bürokraten eigentlich aus und wo verstecken sie sich?

Die Organisationsform der TID

Bei meiner Anmeldung zur TID hatte ich den Eindruck einer zentralen Organisation, was sich bei näherem Hinsehen als völlig falsch erwies. Meine Anmeldung bei der deutschen TID, die ich im Internet gefunden hatte, war dadurch zunächst an die falsche Adresse gerichtet. Hätte ich bei Google statt „tid“ einmal „tid austria“ eingegeben, wäre mir das auf nationale Verbände gestützte Organigramm früher aufgegangen. So wie ich es jetzt verstehe, gibt es Landesorganisationen aller Donauanrainerstaaten, bei denen man sich anmeldet und auch den Teilnahmebeitrag bezahlt. In jedem Land ist jemand dafür verantwortlich, die Teilnehmer der TID, die durch dieses Land paddeln oder rudern, unfallfrei, gesund und wohlgenährt an das donauabwärts liegende Nachbarland weiterzureichen. Letztere Eigenschaft ist nicht so ernst zu nehmen, weil manche TID-ler ihre Fahrt auch als Schlankheitskur anlegen. Trotzdem sorgen viele der Gastgeberklubs der verschiedenen Länder für üppige Verpflegung an den Abenden, bei denen es meist auch Empfänge der lokalen Prominenz mit Vorstellung der Teilnehmernationen und Reden, manchmal sogar Musik, gibt. Die Gastgeberklubs sind durchwegs sehr bemüht, alles zu tun, um den TID-Teilnehmern das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Das ist 2013 bei den deutschen Klubs besonders bemerkenswert, weil die Bootshäuser und Zeltplätze mancher Vereine noch zwei Wochen zuvor von einem unglaublichen Hochwasser betroffen waren.

Auf der Fahrt selber gibt es für die Kanuten zwar die selbstverständliche Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfeleistung im Notfall, aber sonst völlige Freiheit für die Gestaltung der Fahrt von A nach B, sowohl was Abfahrtszeit, Geschwindigkeit oder Pausen betrifft. Lediglich im Fall von Problemen oder wenn man es nicht schafft, bis 18 Uhr des jeweiligen Tages am Zielort anzukommen, ist man verpflichtet, das TID-Telefon, welches von einem Landesverantwortlichen an den anderen weitergereicht wird, anzurufen.

Der Start in Ingolstadt zur Fahrt nach Kelheim

Sonntag Früh regnet es noch ein bisschen, was heißt, ein nasses Zelt einzupacken. Die Abfahrtszeit ist für ungefähr neun Uhr vorgesehen. Weil ohnehin nicht alle gleichzeitig die Abfahrtsrampe benutzen können und weil der frühe Vogel den Wurm fängt, bin ich bereits um halb neun am Wasser. Es ist kühl, was durch einen leichten Sprühregen noch verstärkt wird. Es folgt ein schöner Flussabschnitt mit der Staustufe Vohburg und dem Höhepunkt des heutigen Tages, dem Donaudurchbruch beim Kloster Weltenburg. Weltenburg ist nicht nur Kloster, sondern auch Brauerei und Gasthof, was auf mich sehr einladend wirkt. Wie die vielen, malerisch auf der Schotterbank vor dem Kloster liegenden Kajaks und Canadier kurze Zeit später zeigen, nicht nur auf mich. Kurz nach mir landen der ehemalige und der amtierende Österreich-Verantwortliche der TID und ich gehe mit ihnen in Richtung Gasthof. Dort nehme ich ein „Dunkles“ sowie eine – sehr empfehlenswerte – Klosterwurst mit Gemüse und Rahmsauce zu mir. Dabei beginne ich zu ahnen, dass Paddeln nicht immer in einem Gewichtsverlust münden muss.

Donaudurchbruch


Anlanden auf der Schotterbank vor dem Kloster Weltenburg


Die heutige Fahrt endet nach 45 Tageskilometern nach Einfahrt in den Main-Donau-Kanal an einer breiten, steilen Grasrampe, zu der wir durch einen Nebenarm, der mit einem Riesen-TID-Wimpel gekennzeichnet ist, vordringen. Zwei freundliche Paddelkollegen helfen mir, mein schweres Boot die steile Wiese hochzuziehen und auf dem Bootswagen zu platzieren. Dann geht es etwa 400 m in Richtung eines Sportplatzes, auf dem schon die ersten Zelte stehen. Ich suche mir einen Platz nahe an der Umzäunung aus. In wenigen Minuten ist das von der Früh noch nasse Zelt aufgestellt und hat Zeit zum Trocknen. Eine Stunde später habe ich bereits ein gemütliches, trockenes Zuhause, in dem ich mich wohl fühle. Vom Zeltplatz aus ist die Befreiungshalle Kelheim zu sehen.

Ankunft in Kelheim



Befreiungshalle


Abends gibt es den ab nun täglich üblichen Empfang des Gastgeberklubs mit Bürgermeister und heute auch mit Freibier und bayrischen Laugenbrezen. Beim anschließenden Briefing für das nächste Teilstück lerne ich zwei der von uns vier, neben der österreichischen Fahrtenleitung, auf dieser Teilstrecke fahrenden Österreichern kennen. Wir stellen uns gegenseitig vor und tauschen unsere ersten Eindrücke aus, denn wir alle drei sind TID-Neulinge.

Montag Kelheim - Regensburg

Nach Morgenmarsch zur Grasrampe und Einsetzen des Bootes geht es in Richtung der attraktiven Stadt Regensburg. Heute sind am Fahrplan nur 30 km vorgesehen. Ich freue mich schon sehr auf die Besichtigung der Stadt, die ich bereits früher schon mal besucht habe. Auf der Fahrt ist zunächst wegen einer gesperrten Bootsgasse umzutragen und dann kommt der Stauraum Bad Abbach mit anschließender Schleusung. Vor der Schleuse legen einige Boote einen ordentlichen Sprint hin, da sich von hinten ein Frachtschiff nähert und wir noch mitkommen wollen. Nachdem das Schiff in der Schleusenkammer ist und wir nur mehr knapp dahinter, springt die Schleusenampel auf rot. Lange Gesichter und grollende Gedanken bei uns. Die Kammer bleibt aber offen und nachdem der Frachter ganz nach vorne gefahren ist, erlöst uns wieder das grüne Licht, das die Schleuse auch für uns freigibt!

Das anschließende Teilstück nach Regensburg fahre ich zusammen mit einem meiner beiden österreichischen Kollegen. Er ist nebenberuflich Imker und ich erfahre dabei eine Menge über Bienen und die Zunft der Imkerei. Durch das Gesrpräch wird es zu einer der kurzweiligsten Strecken auf der ganzen Fahrt!

Nach Ankunft beim Regensburger Kanu-Klub folgt Zeltaufbau und Marsch in die Stadt. In meinen Eingeweiden wühlt der Hunger, weil ich heute außer meinem persönlichen Kraftfutter, zwei getrockneten Feigen und einer Mozartkugel, nichts gefrühstückt habe und es jetzt bereits früher Nachmittag ist. Mein Freund und ich werfen daher zunächst nur einen kurzen Blick auf die Steinerne Brücke und fallen dann gleich in einem italienisches Restaurant ein, wo wir uns jeder für eine Pizza entscheiden. Als die beiden geliefert werden, stellt sich heraus, sie sind wagenradgroß und hängen noch zehn cm über den Rand des Riesentellers. Wir ersuchen einen zufällig vorbeikommenden Kollegen aus Deutschland, ein Beweisfoto zu schießen, weil uns das sonst niemand glauben würde. Dann machen wir uns ans Werk. Trotz meines Hungers schaffe ich mein Teigstück nicht zur Gänze. Mein Freund lässt sich ein Viertel des seinen sogar einpacken. Als Frühstück für morgen.

Jetzt ist bei uns wieder freie gedankliche Kapazität zur Stadtbesichtigung vorhanden. Komischerweise ist der Magen noch nicht so voll, dass sich nicht auch noch zwei Eiskugeln hineinzwängen ließen.

Beim Marsch zurück zum Zeltplatz begegnet uns neben entgegenkommenden Kollegen auch ein saftiger Regenguss, den wir unter dem Dachvorsprung einer Garage abwettern.
Beim Zeltplatz angekommen, stellt sich dieser als gerammelt voll dar. Zwischen den Zelten ist kaum noch Gras sichtbar.

Dicht belegte Zeltstadt


Was folgt, ist ein heftiger Gewitterregen, das Briefing für morgen, eine abendliche Bratwürstelsemmel mit süßem Senf – erstaunlich, was in einen hineinpasst – und ein SMS nach Hause, bevor der Sandmann kommt.

Dienstag Regensburg – Straubing

Der Dienstag hat's in sich. Das weiß ich aber in der Früh noch nicht. Nun der Reihe nach. Ich fahre mit einem meiner österreichischen Freunde um sieben Uhr ab. Schöne Einsetzstelle beim Klub. Nach eineinhalb Kilometern kommt die Bootsgasse Regensburg. Sie ist gesperrt. Interessanterweise steht auf einer Leuchttafel „Wegen Niedrigwasser“, obwohl die Wehrüberläufe nur so rauschen. Von einer Besichtigung gestern wissen wir, dass die offiziell gesperrte Gasse fahrbar ist. Keck gleiten wir hinein und absolvieren sie problemlos, wenn man davon absieht, dass ich, weil ich zu langsam einfahre, mit dem Paddel nachhelfen muss, um endlich ins Rutschen zu kommen.

Es folgt die berühmte Steinerne Brücke, bei der wir beim gestrigen Briefing darauf hingewiesen wurden, keinesfalls das erste Joch, sondern das zweite oder dritte zu nehmen, um bei der vorliegenden starken Strömung keine Schwierigkeiten mit den dahinter liegenden Schiffen zu bekommen. Ich fahre das dritte Joch an und mein Boot wird schön gerade durchgespült und bei den folgenden Wirbeln nur ein bisschen gebeutelt. Dann geht es weiter, zunächst an der für Regensburg namensgebenden Regen-Mündung vorbei und später an der links hoch oben liegenden Walhalla.
Eine Stunde später spielt sich hinter uns ein Drama ab, weil ein ausländischer Paddelkollege, der gestern vielleicht wegen mangelnder Deutschkenntnisse die Warnung vor der Brücke nicht mitbekommen hat, durch die erste Brückenöffnung fährt und mit dem Boot unter ein Schiff gezogen wird. Ein Schweizer Kollege, der vor ihm lag, hilft ihm beim Aufsammeln von Boot, Paddel und Ausrüstung und berichtet, dass innerhalb von Minuten Wasserpolizei, Rettung, Feuerwehr und ein Hubschrauber da waren. Gott sei Dank wurde niemand verletzt. Der betroffene Paddler wurde von der TID-Leitung lediglich ersucht, diesen Tag auszusetzen, um nicht durch einen eventuellen Schock gefährdet zu sein.

Wir bewegen uns inzwischen im Stauraum Geisling und tragen bei der Umsetzanlage etwa 400 m weit um. Bei den Schützen des dortigen Wehrs läuft das Wasser in solchen Massen über, dass es bei der Einsetzstelle für unsere Boote noch so kocht, dass diese beim Einsteigen ordentlich durcheinandergewirbelt werden und drohen, gegen die Betonwand zu prallen. Wir helfen uns gegenseitig, indem wir die abfahrenden Boote im Wasser stehend mit beiden Händen halten. Der oder die Letzte musste den Einstieg allerdings alleine managen. 

Hoher Wasserstand


Was dann folgt, ist eine lange Strecke bei Regen bzw. Starkregen. Als es wie aus Kübeln schüttet, nehmen wir die Ästhetik so eines Wetters auf dem Wasser wahr. Riesentropfen knallen auf die Wellen und bilden vor uns ein unnachahmliches Muster. Ich bin, trotz Anoraks, komplett durchnässt. Solange ich mich bewege, ist mir trotzdem nicht kalt.

Gegen Mittag machen einige von uns eine Pause in einem Wirtshaus in einem wegen eines Damms vom Fluss aus kaum wahrnehmbaren Dörfchen. Im Gastraum komme ich drauf, dass ich unter meinem Anorak immer noch meine Schwimmweste anhabe. Dort bollert ein Ofen und wir essen „Saure Zipfel“, gekochte, wie Forelle Blau zubereitete Bratwürste. Offenbar eine bayrische Spezialität. Gegen die Kälte trinke ich ein Bier.

Noch immer pitschnass steigen wir wieder in unsere Kajaks und fahren bei unterschiedlich starkem Regen weiter nach Straubing. Als sich die Donau teilt, halten wir uns außerhalb der Schifffahrtsrinne rechts, wo wir bald den Straubinger Kanu-Club erreichen und rechts über eine Stiege zunächst auf eine Fläche kommen, die wegen des fürchterlichen Regens und der vielen Paddler mit ihren Booten bereits zerwühlt ist, wie ein Wildschweingehege. Dann müssen wir mit unseren Booten einen steilen Damm überwinden, um zum Zeltplatz zu kommen. Bei all diesen Tätigkeiten werden wir von unerschrockenen TID-MitarbeiterInnen und Mitgliedern des Straubinger Kanu-Clubs im strömenden Regen aufopfernd unterstützt. Der Zeltaufbau erfolgt bei Regen. Alles, was nicht in Bootssäcken verstaut ist, ist nass. Wenn der Regen vorübergehend aufhört, versuchen alle, bei einem von den tapferen Straubingern aufgebauten, aus einem Blechfass gefertigten Ofen, wenigstens einige ihrer Kleider zu trocknen. 

Wäschetrockner


Im Bootshaus, an den Zäunen, in einer Garage, im Aufenthaltsraum, überall hängen die nassen Kleider der mehr als 100 Leute unser internationalen Gruppe. Die Stimmung ist trotzdem gut und ausgelassen. Die Ungarn kochen Gulasch für uns, Semmeln werden verteilt und wir lassen uns das bayrische Bier schmecken.
Abends ist Bürgermeisterempfang. Jeder versucht irgend ein Plätzchen zu finden, wo es nicht hinregnet. Neben der Nässe wird es nun auch noch relativ kalt.

Mittwoch Ruhetag

Gestern haben wir 55 Kilometer gemacht, übermorgen sollen es 60 werden und am Freitag 52. Aber heute ist Ruhetag. Der Regen hat aufgehört, am ganzen Gelände hängt feuchte Wäsche herum, es wird ein Frühstücksbuffet angeboten und ich lausche den Erzählungen einiger erfahrener TID-ler. So muss es 1849 beim Gold Rush im Kalifornien zugegangen sein. Nur dass neben abgehärteten Männern hier auch viele Frauen mitmischen, von denen man eine Menge über das Leben auf dem Wasser und in der Natur lernen kann. Aus den Gesprächen entnehme ich viele Tipps, betreffend die Qualität von Booten und Ausrüstungsgegenständen und einiges über die Schönheit oder die Befahrbarkeit deutscher Flüsse.

Ein „Alter“ erzählt auch von einem schweren Unfall viele Jahre zuvor. Im damals noch tschechoslowakischen Teil der Donau wurde ein Zweierkajak an eine Boje getrieben, blieb dort hängen und wurde von der dort extrem starken Strömung unter Wasser gezogen. Einer der beiden Paddler kam aus dem Boot noch heraus, während der andere nur noch tot geborgen werden konnte. Es wird auch von einem Kollegen erzählt, der auf der Fahrt einen Herzinfarkt erlitt und gestorben ist und von vielen anderen kleineren und größeren Unfällen, die sich im Laufe der Zeit ereignet haben.

Einige erzählen von den Fahrten durch das Eiserne Tor, den Strapazen durch die dort häufigen Fallwinde und der Anstrengung der es manchmal bedarf, gut durch diese Enge zu kommen. Manche der weit gepaddelten TID-ler erzählen auch vom serbisch-rumänischen Kraftwerk Djerdap I und seiner beeindruckenden Doppelschleuse, mit der 30 Meter Höhenunterschied bewältigt werden.

Für 10 Uhr ist heute eine Stadtführung in Straubing vorgesehen. Ohne viel Vertrauen in die Sinnhaftigkeit meines Tuns, hänge ich vorher noch einige Kleidungsstücke an einem Zaun und einer am Zelt befestigten Wäscheleine auf. Ein Blick zum Himmel zeigt Trübes. Dann marschiere ich zum Treffpunkt und mit der Gruppe in die Stadt.

Wir gehen in ein Museum mit römischen Funden, erfahren etwas über die Geschichte der Stadt und die Agnes-Bernauer Festspiele, die alternierend zur Landshuter Hochzeit stattfinden und einer Agnes Bernauer gedenken, die im 15. Jahrhundert eine Beziehung mit Herzog Albrecht III eingegangen war, und weil diese als nicht standesgemäß galt, von den Mächtigen ihrer Zeit beiseite geräumt und umgebracht worden ist. Natürlich hat man sie nicht einfach ermordet, sondern formalrechtlich höchst sauber der Zauberei (eines Liebeszaubers) angeklagt, verurteilt und erst dann – wie es dem Recht entsprach – in der Donau ertränkt.

Nach der Führung gehe ich mit meinem österreichischen Imker-Freund in ein Lokal im Zentrum essen. Dann geht es zurück zum temporären Heim. Ich hole die inzwischen trockene Wäsche ein und gehe dann wieder in die Stadt bummeln und ein paar Fotos schießen. Das Wetter scheint immer besser zu werden!

Abends erfahre ich, dass das Wetter auch morgen trocken sein soll. Beim Briefing für den nächsten Paddeltag werden wir über die strengen wasserpolizeilichen Auflagen für die TID informiert. Wegen der Hochwasserschäden in Winzer wurde zudem der Zeltplatz verlegt und wir müssen statt der ursprünglich vorgesehenen 60 km 64 km paddeln. Dafür verkürzt sich die Strecke am darauffolgenden Tag entsprechend.

Donnerstag Straubing - Winzer

Obwohl ich durch Boote und Zelte „zugeparkt“ bin, gelingt es mir, weil sich der Zeltplatz langsam lichtet, einen Weg durch das Labyrinth zu finden und um acht Uhr zu starten. Ich setze an einem alternativen Platz ein, an dem es eine schöne Rampe und ein gutes Kehrwasser gibt. Der Weg dort hin ist zwar etwa einen Kilometer lang, aber er zahlt sich aus. Es folgt eine ruhige, schöne Fahrt. Wegen des hohen Wasserstandes gibt es leider fast keine Schotterbänke, die die hier schön mäandernde Donau sonst so romantisch machen.

Nach 35 km macht die ganze Gruppe in „Willis Saustall“ Mittagspause. Es gibt Schweinesteak, Salat, Beilagen und Kuchen.

Bei der Weiterfahrt bemühen wir uns, die durch die Wasserpolizei verordneten Zeitfenster für die Passage Isar-Mündung oder die Mühlhamer Schleife einzuhalten und bei den jeweiligen Strecken auch die gebotene Fahrseite zu benutzen, was ein Einzelpaddler kaum tun würde, weil er oder sie einfach nach Vernunft und Hausverstand handelt.

Das letzte Stück auf unserer heute 64 km langen Reise nach Winzer haben wir Sonne! Ganz was Neues! Wir erreichen einen großen Zeltplatz, dem das vergangene Hochwasser noch etwas anzusehen ist. Die KollegInnen dort haben sich ordentlich Mühe gegeben, die TID würdig zu empfangen. Es gibt Kaffee, Kuchen, Abendessen, Getränke, alles was das Paddlerherz begehrt. Um 18 Uhr gibt es eine Rede von Bootsclub-Leiter, Bürgermeister, Landrat. Die teilnehmenden Nationen werden vorgestellt, der Bürgermeister spendet ein Fass Freibier.


Freitag Winzer - Erlau

Abfahrt um 6.15 Uhr. Bei guter Strömung kommen wir durch Vilshofen über den Stauraum und das Kraftwerk Kachlet. Umtragen bei Kachlet, weil mir das Warten auf die Schleusung zu lange dauern würde. Um 11.45 Uhr fahre ich durch Passau. Laut Wasserpolizei müssen sich die TID-Wasserfahrzeuge hier links halten, was durchaus vernünftig ist, weil rechts die vielen in Passau liegenden Passagierschiffe fahren oder auf dieser Seite starten. Ursprünglich wollten uns die Behörden hier im Pulk fahren lassen, aber die deutsche TID-Leitung hat ihnen das dann doch ausreden können. Die Fahrt durch Passau ist unkompliziert und schön. Manchmal gibt es durch Schiffe und Kaimauer verursachte hohe Kreuzwellen, die aber keine wirklichen Probleme machen. 


Innmündung

Nach Passau kommt mir ein Frachtschiff entgegen, das harmlos aussieht, es für mich aber in sich hat. Ich fahre am relativ flachen rechten Rand der Donau. Die Kielwelle des Schiffes ist eng und hoch. Trotzdem kein Problem. Da sehe ich, wie sich die Welle immer mehr spitz aufbaut und genau vor meinem Bug bricht. Damit schwappt eine Wassermenge über mein Deck, die durch den Drei-Zentimeter-Süllrand meines Bootes nicht bewältigbar ist. Da ich ohne Spritzdecke fahre, kriegt das Boot eine Menge Wasser ab und ich bin von Kopf bis Fuß durchnässt. An einem Sonnentag stört so etwas aber nicht weiter.

In Erlau angekommen, sehe ich mit einigem Entsetzen, dass der Ausstieg mit zwei hohen Stiegen für schwer bepackte Boote alles andere als ideal ist. Irgendwie und mit Hilfe zweier herbeigeeilter ungarischer Kollegen gelingt es mir, mein Faltboot über die mit spitzen Steinen gespickte Hürde und nachher auf meinen Bootswagen zu bekommen.

Obwohl der Platz riesig ist, gibt es nur wenige Stellen auf denen mehr Gras zu sehen ist, als getrocknete Schlammreste. Ich suche mir eine geeignete, baue mein Zelt auf und mache mich dann daran, mein Boot mit dem Schwamm trocken zu legen. Bei der Menge, die hereingeschwappt ist, dauert das eine Weile.

Um 17 Uhr gehen wir essen. Es gibt gebratenes Fleisch, Nudelbeilagen, Salat und Semmeln. Eine Stunde später, fängt es plötzlich sehr heftig zu regnen an. Der Regen hält etwa 30 Minuten an und hört dann ebenso plötzlich auf, wie er begonnen hat. Die Inspektion meines Zeltes ergibt einen innen nassen Zeltboden. Jetzt bleibt mir zum Schlafen nur der trockene Streifen meiner 50 cm Thermomatte. Nach einiger Überlegung verbreitere ich die Trockenzone mit Hilfe der leeren Bootssäcke für Thermomatte, Zelt und Schlafsack um weitere 20 cm und rette somit meine Nachtruhe.

Samstag Ruhetag

Heute ist wieder Ruhetag. Eine Busfahrt nach Passau wird angeboten. Die Rückfahrt ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln selbst zu organisieren. Der Zeltplatz ist noch sehr nass und es gibt viele Wasserlachen.

Passau


Um 9 Uhr fährt der Bus ab, bringt uns zunächst auf die Veste Oberhaus, wo wir 20 Minuten lang Fotos schießen dürfen und dann in die Stadt. In einer lockeren Gruppe, zwei Deutsche, ein Schweizer und drei Österreicher, besichtigen wir die Stadt und nehmen etwas underdressed am Schlussteil einer sehr festlichen Messe mit Bischof und opulentem Orgelspiel teil. Es dürfte sich um eine Priesterweihe oder etwas ähnliches handeln. Anschließend gehen wir essen. Dann löst sich unsere Gruppe in Einzelpersonen auf, um sich später in einem Outdoorladen wieder zu treffen, wo wir essenzielle Teile unserer Ausrüstung ergänzen.

Dann besuchen wir ein Riesen-Elektronikgeschäft, weil einem von uns eine Kamera fehlt, die er aber dann doch nicht anschafft und schließlich gehen wir zum Bahnhof, um unseren Bus nach Erlau zu besteigen. Wahrscheinlich kommt es nur einmal im Jahr vor, dass der Bus um 15.50 von Passau nach Erlau wirklich voll ist. Daher muss es für die echten Erlauer ein Schock sein, als sie unseren Bus betreten. Ein Mädchen schreit nach dem Einsteigen entsetzt auf: „Was ist das denn für eine Veranstaltung?!“

Abends gibt es die Abschiedsfeier von der deutschen TID. In diesem Rahmen führe ich ein Gespräch mit einem jungen Serben, der gerade sein Studium beendet. Wir unterhalten uns auf Englisch. Er fährt die TID bis zum Schwarzen Meer. Für die Zeit nach Abschluss seines Studiums sieht er in seiner Heimat für sich kaum eine Perspektive und plant daher für eine gewisse Zeit irgendwo ins Ausland zu gehen, um das Startkapital für ein Geschäft mit landwirtschaftlichem Hintergrund in Serbien zu verdienen. Den Auslandsaufenthalt sieht er nicht als solchen als Wert an. Lieber würde er in seiner Heimat, bei seinen Freunden bleiben. Alles was er sagt klingt sehr vernünftig. Er hat ganz konkrete Pläne und weiß genau was er will. Ich denke, er wird seinen Weg machen und nicht zur „Verlorenen Generation“ seines Landes gehören.
Später lade ich mein Handy mittels eines geliehenen USB-Ladepacks auf, ein Gerät, das man zu Hause aufladet, um es später von seinem Handy „aussaugen“ zu lassen. Sehr praktisch. Der Akku meines Smartphones hat überhaupt nur so lange gehalten, weil ich es abends immer nur kurz zum Empfangen und Versenden von SMS verwendet habe. Der Akku meiner wasserdichten Outdoor-Kamera funktioniert jetzt, nach mehr als einer Woche, immer noch gut.

Sonntag Erlau – Inzell

Um 8 Uhr bin ich bereit zur Abfahrt. Jemand hat am Zeltplatz einen alternativen Einstieg entdeckt, mit der man die für unsere Zwecke schlechte Einsetzstelle des Platzes umgehen kann. Leider ist diese provisorische und etwas verschlammte Rampe von einem selbst gebastelten Riesenboot verstellt. Der Besitzer macht keine Anstalten, in der nächsten Zeit aufzubrechen. Ich entschließe mich daher um halb neun, einen anderen Einstieg zu suchen. Ich finde ihn nach einem Marsch mit Boot auf Bootswagen im Fluss Erlau, nahe der Hauptstraße. Von dort geht es flott zum Kraftwerk Jochenstein, wo die Umtragestelle gesperrt ist. Wir warten auf eine Möglichkeit zur Schleusung, die sich mit der Einfahrt des Personenschiffes „Passau“ ergibt. Nach einem längeren Sprint zur Schleusenkammer reihen wir uns hinter der Passau ein und ich halte mich an einer der Schleusenleitern fest. Kurz darauf hängt eine Traube von fünf Booten an meinem Kajak. Das gleiche Bild ist auch an anderen Leitern im hinteren Bereich der Schleuse zu sehen, als wir gemeinsam die Reise nach unten antreten.

Nun beginnt der eigentliche Weg zur ersten Station in Österreich, nach Inzell. Vorbei geht es am Ort Engelhartszell, am Stift Engelszell, wir ziehen durch die Schlögener Schlinge, wo wir eine halbe Stunde lang von einem heftigen Gegenwind empfangen werden. Durch den Verlauf der Schlinge hört der Wind aber dann plötzlich auf und wir fahren im hier eher engen Donautal an der rechten Seite Innzell an, ein winziges Dörfchen, das fast nur aus zwei Gasthäusern, einem Bio-Bauernhof und einigen wenigen weiteren Häusern besteht, aber bei Radfahrern und Wassersportlern sehr bekannt ist und einen guten Ruf genießt.


Inzell

Die Boote der TID verlassen die Donau nach 33 Tageskilometern über eine Anlegestelle, die Rampe einer Längsfähre oder eine ein Stück stromabwärts liegende sehr gute, flache öffentliche Rampe. Von dort ziehe ich mein Kajak auf dem Bootswagen zum wunderbaren Zeltplatz des Gasthauses Steindl und beginne mit dem Aufbau meines temporären Eigenheimes. Dann gibt’s Bier, ein spätes Mittagessen und nochmals Bier, um die Nieren zu spülen. In einer lockeren Gruppe besprechen wir die Erfahrungen des heutigen Tages. Abends gehe ich zum Biobauernhof auf eine Ziegenwurst mit Ei, Tomate, Vollkornbrot und Birnensaft um dann die heutige Info-Veranstaltung zu besuchen. Ab jetzt übernimmt die österreichische TID-Leitung die Verantwortung. Die deutsche TID-Leitung war echt gut und die österreichische startet gleich mit einem Highlight, einem kleinen Heftchen, das jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin bekommt und in dem die gesamte österreichische Strecke mit allen Kraftwerken, Schleusen und Umtragestellen verzeichnet ist. Der neue Leiter informiert, so wie es auch die deutschen getan haben, auf Deutsch und Englisch über die Strecke. Morgen geht es nach Linz, wo die TID am Zeltplatz des Ruder- und Kanuvereins „Donau“ von der Magistratskapelle der Stadt Linz empfangen werden wird.


Montag Inzell – Wilhering

Um sieben Uhr herum starte ich nach einem Frühstück, das ab sechs Uhr im Gasthaus Steindl angeboten wird zur für mich letzten Etappe der heurigen TID. Ich weiß noch nicht, ob ich in Wilhering oder Linz landen werde, weil ich das vom Zustand der Rampe und des Platzes in Wilhering abhängig mache, der vor zwei Wochen noch in einer Höhe verschlammt war, die ich mir vor dem Hochwasser nicht hätte vorstellen können.

Zunächst geht es 20 km zur Schleuse Aschach, wo um 11 Uhr eine Schleusung für die TID vorgesehen ist. Weil ich nach einer sehr angenehmen und ruhigen Fahrt zu früh dort bin, entschließe ich mich auf der rechten Seite eine ewig lange Strecke umzutragen. Bei der Rampe der ehemaligen Strombauleitung setze ich ein und fahre durch den von der Donau aus gesehen sehr attraktiven Ort Aschach, mit der langen Reihe seiner vielen bunten Häuser. Vier Kilometer nach Aschach taucht auf der rechten Seite die „Brandstatt“ mit ihren beiden Gasthäusern auf. Dort fahre ich in den vom Hochwasser noch recht verschlammten Hafen ein, wo nicht immer die nötige „Handbreit Wasser unterm Kiel“ vorhanden ist. Einmal muss ich aussteigen, um das Boot wieder flott zu bekommen. Dann gibt es ein gemütliches Mittagessen vor der Weiterfahrt zum Kraftwerk Ottensheim. Die Strecke ist wegen des flachen Eferdinger Beckens manchmal ein bisschen eintönig und auch der Stauraum Ottensheim macht sich früh bemerkbar. Die Schleusung für die TID ist in Ottensheim um 15 Uhr vorgesehen. Ich bin mit einigen anderen Booten zu früh dort und wir hoffen, mit einem Schiff durchgeschleust zu werden. Während unserer Wartezeit werden zwar große Schiffe geschleust, aber der Schleusenwärter mag anscheinend keine Kleinboote, denn er lässt – trotz der gesperrten Umsetzanlage in den Altarm – keine muskelbetriebenen Boote einfahren. Es scheint ein Fall von Machtdemonstration vorzuliegen, der nur psychologisch erklärt werden kann.

Um 15 Uhr kommt dann die angekündigte Schleusung nur für die TID. Die vielen bunten Boote in der großen, schwarzen Schleusenkammer, sind ein großartiger Anblick.

Nach dem Kraftwerk kommt rechts eine kleine, erst kürzlich künstlich angelegte Insel. Bei ziemlich hohem Wellengang saust der gesamte Pulk der TID, der gemeinsam aus der Schleuse heraus gestartet ist, bei guter Strömung an der Fähre in Wilhering vorbei. Die auf der Fähre wartenden Menschen werden sich wundern, was da wohl gerade an ihnen vorbeirauscht. Es ist jedenfalls kein alltäglicher Anblick.

Gleich nach der Fähre schwinge ich nach rechts ab, zu einer sehr schönen Rampe in Wilhering. Wenn sie noch verschlammt sein sollte, fahre ich weiter nach Linz. Sollte sie offen und sauber sein, ist die TID hier für mich zu Ende. Ich sehe, die Rampe ist bereits sauber und trocken, und nehme an, das gilt auch für den Parkrasen darüber. Ich kann mich noch kurz von meinem österreichischen Imker-Freund verabschieden und lande an.

Wilhering


Jetzt folgt nur mehr das Zerlegen meines Faltbootes und das Verstauen der Ausrüstung in zwei großen IKEA-Tragesäcken. Dann der Anruf bei meiner Frau, mit der Bitte, mich hier abzuholen. Schließlich sitze ich noch eine Weile auf den Packsäcken, die eben noch mein Boot waren und denke ein bisschen wehmütig an die 12 Prozent des Weges zum Schwarzen Meer, die ich nun mit der TID unterwegs war und an die Freunde, die noch weiterfahren. Sie ist mir ans Herz gewachsen, die TID.

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Link zur österreichischen TID:

TID Austria



20120728

Die Lahn


Mit drei Kajaks fünf Tage auf einem lohnenden Fluss

 



Diesmal zeigen zwei Bootsspitzen auf dem Autodach nach Norden und ein Faltboot im Inneren des Autos wartet auf den Aufbau in Roth, einige Kilometer südlich von Marburg a. d. Lahn. Im Auto sitzen drei Männer, die von der Heimatstadt Linz gerne 600 km zum Einstiegsort fahren, um sich eine fünftägige Kajakfahrt auf der Lahn zu gönnen. Wir haben Schlafsäcke und Zelte mit, wollen sie aber nur im Notfall benützen. Falls möglich, planen wir Hotelübernachtungen.

Der Fluss wurde in der Literatur, die wir zur Vorbereitung durchgearbeitet haben, als schöner Wanderfluss beschrieben, bei dem man wegen der vielen Wehre, Umtragestellen, Bootsgassen und Schleusen nicht mehr als 15 bis 20 Tageskilometer einplanen soll. Außerdem, so hieß es, würde er an schönen Tagen vor Paddlern geradezu überquellen. Um es kurz zu machen, wir haben völlig andere Erfahrungen gemacht. Erstens sind unsere Tagesetappen viel größere Strecken und zweitens begegnen uns nur wenige Paddelgruppen – meist in Leih-Canadiern. Vielleicht hat es daran gelegen, dass eine Woche vor unserer Ankunft die Lahn ein derartiges Hochwasser geführt hat, dass Paddeln unmöglich war und während unserer Paddelwoche außerdem das Wetter nicht genau dem entsprochen hat, was man gemeinhin als Schönwetter bezeichnet. Uns war's recht, denn so hatten wir den Fluss die meiste Zeit beinahe für uns allein.

1. Tag: Anreise

Wir kommen am frühen Nachmittag in Roth an. Den Ort haben wir als Einstiegsstelle gewählt, weil ein Einstieg in Marburg bereits vier Wehre mit Umtragestellen alleine bis Roth bedeutet hätte und unsere Vorstellung vom Paddeln mehr mit Wasser als mit Zu-Fuß-Gehen zu tun hat. Nachteil: Roth ist ein winziges Nest. Wir nehmen uns also Hotelzimmer und fahren in die Universitätsstadt Marburg, um etwas zu erleben. Was wir sehen, gefällt uns nicht schlecht!


 
Auf den Straßen Marburgs ist einiges los und wir finden genug Lokale zum Essen und Trinken. Nicht sehr spät kommen wir wieder zurück in unser Hotel in Roth, trinken zum Tagesabschluss noch ein Gläschen Wein und einer von uns – wer, wird nicht verraten – flirtet mit einer jungen Kellnerin, die aus Polen nach Wetzlar geheiratet hat und uns ein bisschen etwas über Polen und die Gegend, in der sie jetzt wohnt, erzählt.

2. Tag: Roth – Naunheim (bei Wetzlar)

Beim Einsetzen in Roth waten wir durch knietiefen Schlamm. Das Hochwasser hat die Einsetzstelle unterhalb des Wehrs unter der Brücke nicht gerade sauber zurückgelassen. Gleich darauf empfängt uns die Lahn mit gehöriger Fließgeschwindigkeit und wir bewegen uns auf dem hier sehr schmalen Fluss ziemlich schnell durch herabhängende Weidenäste und enge Mäander. Nach einmal Umtragen und zweimal Rutschen durch Bootsgassen kommen wir an unsere erste Schleuse auf diesem Fluss. Erwin meldet sich freiwillig als erster Schleusenwärter und steigt aus seinem Boot, das wir zwei im Wasser Verbleibenden vorübergehend in unsere Obhut nehmen. Leider begreifen wir hier das System noch nicht und verzweifeln an Kurbeln, die keinen Effekt zu haben scheinen und Helbelsystemen, die sich nicht bewegen. Schließlich entscheiden wir uns, die Schleuse Schleuse sein zu lassen und umzutragen, was hier nicht wenig Arbeit bedeutet.


 
Nach etwa 20 km entdecken wir links ein Gasthaus, in dem wir uns ein Mittagessen genehmigen. Dann geht es bei zum Teil so starkem Gegenwind, dass man glaubt, gegen die Strömung zu fahren, noch ca. 15 km weiter nach Naunheim, weil Gerald dort in seinem Flussführer ein Hotel ausgemacht hat. Wir finden einen guten Platz zum Aussteigen, schnallen unsere Boote auf die mitgeführten Bootswagen und finden schon nach kurzer Zeit das Hotel, wo wir schon fünf Minuten später unter der Dusche stehen.
Weil wir abends noch Wetzlar besuchen wollen, fragen wir an der Rezeption, wie man am besten in die Stadt kommen kann. Die Rezeptionistin murmelt etwas von einer halben Stunde zu Fuß und wir starten los. Nach einer halben Stunde erreichen wir einen Wegweiser, der für das Zentrum von Wetzlar noch weitere zweieinhalb Kilometer ausweist. Nach einem Paddeltag schon etwas ausgetrocknet, kommt uns der Weg ziemlich weit vor. Weil wir unsere unteren Extremitäten heute ohnehin noch nicht ausreichend trainiert haben, laufen wir aber unverzagt weiter und landen schließlich nach insgesamt fast einer Stunde und fünfeinhalb Kilometern in der Innenstadt von Wetzlar. Hier erwartet uns aber nicht das bunte Treiben von Marburg, sondern deutlich weniger Leben. Kaum Menschen. Weder Einheimische noch Touristen. Wir durchwandern die Altstadt Länge mal Breite und suchen uns dann ein Lokal, wo uns eine etwas grantige Kellnerin sehr gutes Essen serviert. Und sehr gute Getränke. Nach Bier als Medizin gegen die Austrocknung, kosten wir noch gute Weine.
Zurück zum Hotel geht es dann mit dem Taxi, weil wir uns einen weiteren Gewaltmarsch heute nicht mehr antun wollen.

 

3. Tag: Naunheim – Weilburg

Nach einem üppigen Frühstück haben Gerald und ich schon die Boote gepackt und wollen los, aber Erwin kämpft noch mit seinem Schlafsack, der am Vortag nass geworden war und sich jetzt dagegen wehrt, in seinen Packsack zurückzukehren. Dann wandern wir mit den Booten zu einer Einsetzstelle, die uns ein Kellner beschrieben hat. Wir setzen ein und kommen nach ca. fünf Kilometern, kurz nach einer Brücke, zu einem sehr breiten Wehr, mit einer Bootsgasse, die wegen des hohen Wasserstandes etwas problematisch ausschaut. Ich melde mich zur Testfahrt und wir vereinbaren, dass ich brülle, wenn ich kentern sollte, um die anderen vor einer Einfahrt zu warnen. Die Gasse stellt sich aber als völlig unproblematisch heraus und wir plätschern bald alle drei in trockenen Booten im tiefer gelegenen Bereich. Später müssen wir wieder mal umtragen und dann kommen im Abstand von jeweils einigen Kilometern vier Schleusen. Inzwischen haben wir unsere Schleusen-Ignoranz überwunden und bedienen sie bereits mit großer Souveränität. Die Aufgabe des Schleusenwärters übernehmen wir abwechselnd, wobei die beiden im Wasser Verbleibenden das Boot des jeweiligen Schleusenwärters in die Schleuse und aus der Schleuse zur Einstiegsstelle – meist eine Treppe – bugsieren. Bei der letzten Schleuse bringt Gerald der weibliche Hälfte eines Canadier-Paares die Kunst des Schleusens bei.


Am späten Nachmittag kommen wir nach Weilburg und steuern den unmittelbar rechts hinter einer Brücke gelegenen Bootsclub an. Leider ist niemand da. Wir erlauben uns, die Boote auf dem Rasen des Clubgeländes zu lagern. Dann fragen wir einen jungen Mann bei einem Canadier-Verleih, ob es hier ein zu Fuß erreichbares Hotel gebe. Er zeigt durch ein Hallenbad durch uns sagt: „100 Meter“.
Wir nehmen unsere wasserdichten Bootssäcke mit den wichtigsten Utensilien für eine Hotelübernachtung und marschieren los. Tatsächlich finden wir nach 100 Metern das Bahnhofshotel, wo wir ohne Schwierigkeiten unsere drei Zimmer bekommen.
Wir haben heute 44 km geschafft und besuchen geduscht und adrett gekleidet die Innenstadt. Auch hier ist wieder wenig los. Wir finden einen Italiener und genießen ein opulentes Abendmahl mit noch opulenteren Getränken.

4. Tag: Weilburg – Limburg

Schon bevor wir nach 36 Tageskilometern beim Anlegesteg des Ruderclubs Limburg ankommen, begegnen uns immer wieder Ruderer in Einern, und Vierern mit Steuermann, die in großer Geschwindigkeit an uns vorbeiziehen. Beim Anlegesteg sind die Ruderer in ihren sauberen weißen Dressen sichtlich irritiert, als sie merken, dass wir an ihrem Steg anlegen wollen. Wir warten bis alle ihre Boote geborgen haben. Dann legen wir an, ziehen die Kajaks auf den Steg und ich begebe mich auf den Weg zum Clubgebäude, um einen Verantwortlichen zu finden, den ich darum ersuchen kann, unsere Boote für eine Nacht auf ihrem Gelände zu dulden. Der Verantwortliche stellt sich als Frau heraus, die mich anschaut, als wäre ich der erste Seeräuber ihres sehr jungen Lebens. In ausgesuchter Höflichkeit trage ich meine Bitte vor. Zunächst sagt sie, dass sie nicht die nötige Entscheidungskompetenz habe. Sie besinnt sich dann aber und zeigt uns eine kleine Rasenfläche hinter dem Gebäude, die wir für unsere Zwecke benützen dürfen. Daraufhin kommen meine zwei verschwitzten und ähnlich wenig vertrauenerweckend ausschauenden Kumpane mit ihren Booten. Wir lagern unsere Kajaks, schnappen die Bootssäcke, grüßen höflichst, bedanken uns nochmals und ziehen in Richtung Stadt. In dieser Stadt ist wieder was los und mir fällt auf, dass man in unserer Aufmachung schon einiges Selbstbewusstsein braucht, wenn man sich, ungewaschen und unfrisiert, mit unseren Kunststoffsäcken in den Händen, unter den gestrengen Augen der Einwohner und Touristen seinen Weg zum Hotel bahnt. Wir bestehen diese Prüfung mir Bravour!
Heute hatten wir einen sehr interessanten Tag. Gleich in der Früh sind wir durch einen 180 Meter langen, unbeleuchteten Tunnel gepaddelt, an dessen Ende eine Schleuse ist. Ich bin vorne und klettere auf einer Leiter ziemlich hoch zu den Bedienungselementen hinauf. Gott sei Dank ist die Schleuse ähnlich zu bedienen wie die bisherigen.
Bei der Weiterfahrt fängt es plötzlich zu regnen an. Das macht uns aber nichts aus, weil wir blitzschnell unsere Anoraks anhaben und die Spritzdecken schließen. Wir fahren an einer kleinen Gruppe mit Canadiern vorbei, die sich unter ein Blätterdach am Ufer gerettet hat und kurz darauf ruft uns Erwin zu, wir sollten auch ein Blätterdach am Ufer ansteuern. Eigentlich ist mir nicht danach, aber als meine beiden Freunde schon unter die tief liegenden Zweige fahren, suche ich mir auch so ein Plätzchen in Rufnähe. Ich bereue es nicht, denn gleich darauf kommt ein zehnminütiger fürchterlicher Guss. Während meines Aufenthalts an diesem Platz habe ich noch ein Erlebnis der besonderen Art. Eine Entenfamilie kommt zu Besuch! Meine bisherige Erfahrung mit Enten ist, dass sie ab einer Distanz von ca. zehn Metern zu flüchten beginnen, aber diese Enten schwimmen auf mich zu und entern dann sogar noch frech mein Boot! Später erzählen mir Erwin und Gerald, dass die Vögel anschließend auch zu ihnen gekommen sind und das Gleiche versucht haben.

 

Es kommen noch weitere Schleusen und das Wetter bessert sich. Dann fahren wir durch eine wunderschöne Landschaft mit Felsen am Ufer bevor wir gegen 16.00 Uhr in Limburg ankommen, ein schönes Hotel finden und uns ein Lokal zum Essen suchen. Es folgt ein gepflegtes italienisches Gericht mit gutem Wein.

5. Tag: Limburg – Laurenburg

Ab Limburg wird das Schleusen einerseits einfacher, andererseits zeitlich beschränkter. Weil die Lahn ab hier schiffbar ist, werden die Schleusen durch Berufs-Schleusenwärter bedient. Allerdings nur zwischen 10.00 Und 18.00 Uhr, mit einer halben Stunde Mittagspause. Das heißt für uns, dass wir ab hier morgens erst spät aufs Wasser kommen. Wir warten schon 20 Minuten vor der ersten Schleusung vor den Toren, weil wir unter den ersten sein wollen. Bei den weiteren drei Schleusen des heutigen Tages geht es wie geschmiert. Kaum angekommen, gehen schon die Tore auf, wir können einfahren und kurz darauf hören wir schon am Rauschen, dass das Wasser aus der Kammer bereits ausläuft.
Heute ist der erste Tag mit durchgehendem Sonnenschein. Wir sind das gar nicht mehr gewöhnt und etwas schlapper als an den Vortagen. Trotzdem ziehen wir tapfer unsere Kilometer bis Laurenburg durch. Laurenburg haben wir als heutiges Tagesziel gewählt, weil wir morgen nur eine Kurzstrecke nach Nassau fahren wollen, um am Nachmittag Zeit zu haben, das Auto aus Roth zu uns zu holen.


 
Laurenburg besteht nur aus ein paar Häusern und einem Hotel-Restaurant. Beim Spazierengehen haben wir noch ein Wirtshaus entdeckt, aber sonst gibt es nicht viel zu sehen, außer der Burg ganz oben am Hügel, die, wie man uns sagt, sehenswert ist. Leider haben wir zu wenig Zeit um einen Ausflug hinauf zu machen.
Wir fahren am Hotel-Restaurant vorbei, weil ich eine gute Anlegestelle übersehe. Schließlich lande ich an einer steilen Rampe und gehe zu Fuß zurück um mich nach Zimmern zu erkundigen. Mit einer Erfolgsmeldung kehre ich zu Gerald und Erwin zurück, die nun ebenfalls aus ihren Kajaks steigen. Wir entdecken hinter einem Partyzelt mit einer zechenden Gruppe ein Schild „Bootsclub“ und fragen ob wir hier unsere Boote für eine Nacht lagern können. Die Leute sind sehr hilfsbereit und nett. Wir tragen unsere Kajaks auf eine kleine, abfallende Wiese und marschieren zum Hotel. Der Tag klingt wie gewohnt mit einem Abendessen und anregenden Gesprächen aus. Am Nebentisch sitzt ein deutsches Paar, das mit einem Motorboot (mit Kajüte) unterwegs ist. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und sie geben uns ein paar Lokal-Empfehlungen für die Gegend, die wir allerdings nicht umsetzen können, weil es uns an Zeit fehlt. Wir begegnen den beiden am nächsten Tag am Wasser, als sie uns überholen.
Vor- und Nachteil von Laurenburg: Es gibt keinen Handyempfang. Erwin gelingt es trotzdem irgendwie, ein sms nach Hause abzusetzen. Ein Glückspilz.

6.Tag: Laurenburg - Nassau

Heute wird die Lahn oft breit und langsam fließend. Es gibt bis Nassau zwei Schleusen. Wir gehen die letzten 16 km unserer Reise eher gemütlich an. Das Wetter ist schön und wir genießen die Fahrt.


In Geralds schlauem Buch entdecken wir, dass es in Nassau einen Kanu-Club gibt, bei dem wir anlegen wollen. Als wir hinkommen, prangt am Anlegesteg ein großes Verbotsschild. U. a. ist es Leihbooten verboten dort anzulegen. Da wir stolze Eigentümer unserer Kajaks sind, fühlen wir uns nicht betroffen. Wir legen an und ziehen unsere Boote raus. Der Zugang zum Bootsclub ist mit einem Gitter versperrt. Wir entdecken einen guten Platz unter einer nahen Brücke und parken unsere Boote dort. Meine Anfrage bei zwei älteren Herren im Park, die dort im Gespräch sind, ergibt, dass hinter einer Unterführung in 200 Metern ein Hotel sein müsste. Wir machen uns auf den Weg und sehen, dass das ans Hotel angeschlossene Restaurant Ruhetag hat. Wir schließen messerscharf, dass was für das Restaurant gilt, nicht unbedingt auch für das Hotel gelten muss. Beim Hoteleingang treffen wir auf eine zuständige Dame und halten drei Minuten darauf schon unsere Schlüssel in der Hand.
Ich bin eingeteilt, auf die Boote aufzupassen, während Gerald und Erwin in Richtung Marburg aufbrechen, wo sie mit der Bahn Nassau-Marburg und anschließend mit dem Taxi Marburg-Roth fahren und schon um 17.30 Uhr wieder zurück sind. Ich habe in der Zwischenzeit bereits mein Faltboot zerlegt und verpackt. Im nächsten Schritt werden die beiden anderen Boote auf das Autodach gehievt und mein Faltboot wird zusammen mit der restlichen Ausrüstung im Auto verstaut. Genug gearbeitet für heute. Wir spazieren durch Nassau, suchen uns ein Lokal zum Essen, anschließend eines zum Trinken und dann geht’s ab ins Bett.


 
7. Tag: Heimfahrt

Ein bisschen wehmütig verabschieden wir uns von der Lahn, die uns auf der Heimfahrt noch ein kleines Stück begleitet und dann ziehen wir nach Süden. Wettermäßig ist heute der schönste Tag unserer ganzen Reise. Allerdings ist gutes Paddelwetter nicht unbedingt identisch mit heißem Sonnenschein. Wir sind daher ganz zufrieden mit unserer Woche und auch mit der Lahn.

Auf der Heimfahrt schauen wir in Passau noch bei einem Bootshändler vorbei, um unsere Ausrüstung zu ergänzen, weil auch dieser Tag – wenn auch trocken – unseren Kajaks gewidmet sein soll.

Zu ergänzen wäre noch, dass diese Bootstour eigentlich von vier Mann für vier Mann geplant gewesen wäre. Unser vierter Mann ist leider kurz vor der Reise ausgefallen. Er wurde aber von Erwin täglich per sms darüber auf dem Laufenden gehalten, was sich bei uns abgespielt hat.


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Erwin reklamiert noch einen Zusatz in diesen Bericht:
"Ein toller Bericht von einem Autor, der im Bericht durchaus 'gewichtiger'  vorkommen sollte! Etwa in der Rolle des 'Erst-Kontakters', von uns – ob deines besonderen seriösen äußerlichen Erscheinungsbildes - jeweils vertrauensvoll zur Kontaktnahme mit Ortskundigen und sonstigen Schlüsselgewaltigen (Hotelrezeptionisten/-innen) ausgewählt, um unsere Chancen bei der Zimmerakquise deutlich zu erhöhen! Oder deiner Rolle als 'Flusskilometerfresser', der bei Paddeltouren 'das sich von der Strömung treiben lassen' als 'grobe Unsportlichkeit' ablehnt!  Oder deine wichtige Rolle als Vorbereiter, der mit viel Eifer und zeitlichem Rechercheaufwand die Tour inhaltlich bestens vorbereitet hat!
Vielleicht könnte auch noch ein Satz in Richtung stehen: 'Es hat uns wieder miteinander derart gut gefallen, dass wir bereits an der Planung weiterer  Touren basteln und für gute Vorschläge anderer jederzeit offen und dankbar sind!'"