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20160824

Dreiflüssefahrt Salzach - Inn - Donau

 Von Oberndorf/Laufen bei Salzburg nach Wilhering bei Linz

Eigentlich hatten wir nur Inn-Donau vor, doch dann hat uns der Chef des Braunauer Kanu-Clubs aufgrund unserer E-Mail-Anfrage wichtige Tipps gegeben, auf deren Basis wir die Salzach kurz nach Salzburg dazugenommen haben. 

Bei der Vorbereitung unserer Paddeltour waren wir zu viert. Letzte Weihnachten hat aber das Herz eines unserer Kollegen viel zu früh zu schlagen aufgehört. Wir verbliebenen drei, Erwin, Gerald und ich, haben uns aber entschlossen, die Tradition unserer Sommerfahrten fortzusetzen. Diesmal also als Dreiflüssefahrt bis zu unserem „Heimathafen“ in Wilhering, gegenüber Ottensheim. Zwei Tage vor der Abfahrt bekommen wir von Gerald die Mitteilung, dass er zum geplanten Termin krankheitsbedingt ausfallen wird. Pfffffff. Erwin und ich entschließen uns, die Tour trotzdem anzugehen.

Unser Ausgangspunkt in Google Earth. Deutlich Sichtbar die Schotterbank an der Biegung in Laufen.
Am Donnerstag, dem 11. August 2016 werden wir, mit Erwins Kajak auf dem Dach, von meiner Frau Gertrude nach Oberndorf chauffiert. Im Gasthaus Bauernbräu, nur ein paar hundert Meter von der Salzach entfernt, finden wir Quartier für uns und unsere Boote. Während ich mein Klepper-Faltboot zusammenbaue begibt sich Erwin zusammen mit Gertrude auf die Suche nach einer passenden Einstiegsstelle. Sie entdecken eine hervorragend geeignete Schotterbank in Laufen, auf der deutschen Seite, die über eine Fußgängerbrücke leicht zu erreichen ist. Als die beiden zurückkommen, ist aus meinen drei Packsäcken schon wieder ein Boot geworden, das wir zusammen mit Erwins Prion-Kajak in der Garage unseres Quartiergebers parken dürfen. 

Nach einem gemeinsamen Abendessen setzt sich Gertrude mit dem Auto in Richtung Heimat in Bewegung und wir sind für die Heimfahrt wieder mal nur auf unsere Arme angewiesen. Eigentlich auch auf unsere Beine, denn es werden nicht wenige Kraftwerke mit Umsetzanlagen zu überwinden sein.

Freitag:

Ein grauer Himmel berieselt uns dauerhaft mit Nieselregen. Das soll den ganzen Tag so weitergehen. Wir ziehen unsere Boote auf den Bootswägen an der StilleNacht-Kapelle, die zu Ehren von Franz-Xaver Gruber und Joseph Mohr, den Schöpfern des weltweit bekannten Weihnachtsliedes „Stille Nacht“ erbaut worden ist, vorbei, bis zur Salzach. Auf der Brücke begegnet uns ein Herr, der uns vor einer Schwallstrecke in etwa zwei Kilometern warnt und uns rät, diese links zu durchfahren. Nach der Brücke halten wir links auf die Schotterbank zu. Wir starten also in Deutschland. Um 9:30 Uhr setzen wir ein und werden gleich von der starken Strömung fortgespült.

Ganztägig Nieselregen

Die Schwallstrecke ist bald erreicht, schüttelt uns einige Zeit ordentlich durch, stellt aber keine wirkliche Schwierigkeit dar. 

Nach eineinhalb Stunden und 22 km fahren wir an der linksseitig liegenden Stadt Tittmoning vorbei. Die Strecke war bisher landschaftlich nicht berauschend, da die Salzach in ein Kanalbett gezwängt worden ist, das man jetzt – wie wir hören – wieder rückbauen will. Kann natürlich auch sein, dass wir das durch den grauen Vorhang des Nieselregens nicht objektiv zu beurteilen in der Lage sind.

Salzachdurchbruch

Auf diese feuchte Art und Weise geht es dann weiter bis Burghausen. Als wir an der mächtigen Burg vorbeifahren, läuten gerade die Mittagsglocken. Kurz danach wird die Strömung schwächer, weil der Rückstau des nahen Innkraftwerkes schon weit in die Salzach hineinreicht. Jetzt muss wieder jeder Kilometer hart erarbeitet werden. Die Mündung der Salzach in den Inn ist für uns kaum auszunehmen. Wir fahren einfach auf einem riesigen See, der irgendwann von der Salzach zum Inn geworden ist. Schließlich sehen wir die Ursache des Staus, das Kraftwerk in der Ferne und freuen uns schon auf die baldige Ankunft in Braunau. Beim Kraftwerk erwartet uns aber eine ziemlich fürchterliche Anlegestelle der Umsetzanlage in Form einer verschlammten, glitschigen, hoch aufragenden Betonplattform. Liebe Innkraftwerke, gebt eurem Herzen einen Stoß und tut was für die Wassersportler. Ein einfacher Schwimmsteg wäre nett oder noch netter wäre eine Rampe.

Nach einer zirkusreifen Überwindung dieser Hürde ziehen wir die Boote zur Einsetzstelle im Unterwasser, die schon etwas besser ausschaut. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Enknach (rechts), in deren Mündungsbereich sich das Bootshaus des Kanu-Clubs Braunau befindet. Die Enknach ist erst im letzten Augenblick zu erkennen, aber zwei Innbrücken, die gleich dahinter kommen, sind ein guter Anhaltspunkt für die Orientierung. Beim Kanu-Club lernen wir dann endlich den hilfreichen Kollegen kennen, der uns schon vorher mit guten Tipps versorgt hat und nun unterstützend zur Seite steht.


Beim Kanu-Club Braunau

Wir erfahren, dass morgen Abend eine große Fackelfahrt des Klubs geplant ist. Leider sind wir dann schon wieder viele Kilometer weiter.

Wir lassen die Boote über Nacht im Bootsclub und machen uns zu Fuß, mit den Bootssäcken bepackt, auf den Weg ins vorbestellte Hotel. Die Dusche ist eine Wohltat, ebenso das Abendessen und der Spaziergang durch die Stadt. Wir gehen ziemlich früh zu Bett.


Braunau

Samstag:

Nach einer ruhigen Nacht und einem wirklich guten Frühstück wandern wir die zehn Minuten zum Kanu-Club, bepacken unsere Kajaks und machen sie fahrbereit. Der Einstieg in der ruhigen Enknach um 9:20 Uhr ist sanft und angenehm. Bald biegen wir vom Bach wieder in den Fluss ein und wollen heute Schärding ansteuern. 

Die Sonne scheint und wir haben eine ruhige Fahrt bis zum Kraftwerk Ering. Die Rampe an der Umsetzanlage auf der rechten Flussseite ist weithin sichtbar und Teil einer sehr guten Umsetzanlage. Wir sind nun zehn Kilometer gefahren und genießen die Stille. 

Angenehm auf der Fahrt am Inn ist die Ruhe, die Abwesenheit von Schiffen und Motorbooten und die Breite des Flusses. Strömung ist nach den Kraftwerken nur für relativ kurze Strecken spürbar, dann macht sich wieder der Rückstau des nächsten Kraftwerkes stark bemerkbar. Durch die flache Gegend verändert sich die Landschaft mit Blick vom Boot aus kaum wesentlich.

Stille


Nach zwölf Kilometern kommen wir zum Kraftwerk Eggling, wo natürlich wieder umgetragen werden muss. Auch hier auf der rechten Flussseite. Die Umsetzanlage ist gut, was bei der Menge an Kraftwerkshürden, wie sie der Inn aufbietet, eine angenehme Erscheinung ist. Wir ziehen dann 15 km weiter bis zum nächsten Kraftwerk vor Schärding. Die Umsetzanlage hier erfordert gutes Schuhwerk, denn bis zum Unterwasser müssen die Boote auf den Bootswägen ungefähr einen dreiviertel Kilometer durch eine Siedlung und dann die Straße entlang geschleppt werden, bevor der Inn wieder in Sichtweite kommt. 

Weil wir beide nicht wissen, ob es im Stadtbereich Schärding eine geeignete Ausstiegsstelle gibt bzw. einen Platz wo man die Boote liegen lassen kann, entschließen wir uns, das Einsetzen auf den nächsten Tag zu verschieben und die verbleibenden fünf Kilometer mit dem Taxi zurückzulegen. Wir machen die Boote dicht, lassen sie kurz vor der Einsetzrampe neben einem Spazierweg liegen und gehen mit den Bootssäcken beladen zur Straße hoch, um von dort aus ein Taxi zu rufen. Unsere Erscheinung ist wahrscheinlich nicht nur für den Taxilenker gewöhnungsbedürftig. Er fragt uns, was wir da mit uns herumschleppen.

Schärding


Nach dem Einchecken im Hotel und der Dusche, die uns wieder zu zivilisierten Menschen macht unternehmen wir in einem Café am wunderschönen Stadtplatz etwas gegen unsere Dehydrierung, bevor wir uns zwecks Abendessen einen Chinesen suchen. Nach Frühlingsrolle und Hauptspeise geht es in ein anderes Café, wo wir ein großes Eis vertilgen. Wir tun das zu Ehren unseres verstorbenen Freundes, der solche Abende immer mit einem Riesen-Eisbecher zu beschließen pflegte.

Bei einem anschließenden Spaziergang durch die Stadt sehen wir, dass eine Treppe für den Ausstieg zur Verfügung gestanden wäre, allerdings kein Stellplatz für unsere Boote. Außerdem gibt es auf der deutschen Seite, in Neuhaus am anderen Innufer, mehrere schöne Ausstiegsstellen und Rampen für Sportboote. Wir besichtigen auch die Pfeiler der alten Brücke und schauen uns an, welche der Zwischenräume wir morgen für die Durchfahrt wählen wollen. Dann geht’s zurück ins Hotel und ins Bett.

Sonntag:

Das Frühstück im Stadthotel ist gut und reichlich. Wir haben die letzten Tage übrigens immer ohne wirkliche Pause durchgepaddelt, denn Umtragen kann man eigentlich nicht Pause nennen und haben nie zu Mittag gegessen. Das Frühstück musste daher für den ganzen Tag herhalten. Unser manchmal bis zu sechs Stunden dauerndes pausenloses Paddeln ist vor allem darauf zurückzuführen, dass wir mit unserem Freund Gerald heuer auch die Vernunft zurückgelassen haben. Erwin meint, Gerald hätte uns das nie durchgehen lassen!

Nach dem Frühstück bestellen wir wieder ein Taxi für den Weg zurück zum Kraftwerk und erfahren, dass der Dienst für Schärdinger Taxler erst um neun Uhr beginnt. Wir müssen also noch eine halbe Stunde warten, was uns allerdings an dem schönen Sonntagmorgen in der schönen Stadt nicht schwerfällt. Der Taxilenker ist wieder der von gestern. Auf der kurzen Fahrt legt er uns ungefragt seine politischen Ansichten dar, die aber nicht die unseren sind. Er kriegt trotzdem sein Trinkgeld.

Zurück an der Einsetzstelle stellen wir fest, dass unsere Boote noch da sind, obwohl wir sie die ganze Nacht alleingelassen haben. Die Boote sind rasch bepackt und der Inn hat uns wieder. Wir freuen uns auf die Stadtdurchfahrt, die mit der alten Innbrücke beginnt, durch die wir uns elegant durchspülen lassen. Es geht vorbei an der Innpromenade und schon beginnt wieder die busch- und baumgesäumte Auenlandschaft, die wir von gestern kennen. Es geht vorbei an Wernstein und Neuburg und wir genießen das spiegelglatte Wasser bis zum Kraftwerk kurz vor Passau. Hier kommt uns ein Kajakfahrer entgegen und Erwin fragt ihn, ob die Umsetzanlage links- oder rechtsseitig zu finden ist. Sie liegt rechts und hat als wunderbare Ausstiegsstelle eine langgezogene Rampe. Beim Einstieg im Unterwasser erwartet uns leider eine Überraschung. Die Einstiegsstelle ist zwar großartig geplant und ausgeführt, aber meterhoch versandet. Erwin entdeckt ein Stück Grasnarbe, wo man nicht einsinkt oder abrutscht. Mein Einstieg ist etwas wackelig, aber ich komme mit wenig Sand an den Füßen ins Boot. Dann wird die Fahrt wieder spannend.


Kurz vor Passau

 Passau empfängt uns zunächst mit Strudeln, die das Boot glatt wegdrehen, dann mit einem großartigen Blick auf die Stadt und schließlich mit einem Wellensalat, der durch jede Menge Ausflugsschiffe und Motorboote verursacht wird. Das geht dann, nach der Mündung des Inns in die Donau munter so weiter. Ich habe keine Spritzdecke angelegt und bemühe mich, möglichst wenig Wasser über das Deck in die Luke zu bekommen. Die Donau ist heute voller Motorboote und bei einigen hat man den Eindruck, ihre Fahrer hätten einen Dachschaden. Entweder sie halten bis zur letzten Sekunde direkt auf uns zu oder sie donnern unnötig eng mit Karacho an uns vorbei. Jedenfalls keine Zeit für uns zum Schlafen. Unser Ziel für heute ist Erlau bei Obernzell. Wir fahren auf der linken Donauseite in den Bach Erlau ein und sehen, dass unser vorgebuchtes Hotel nur ein paar Schritte entfernt ist.


Burg Krempelstein auf der österreichischen Seite
Während ich mein Boot vertäue teilt mir Erwin mit, dass er telefonisch schlechte Nachrichten von zu Hause erhalten hat. Seine Mutter ist im Krankenhaus und ihr Zustand hat sich verschlechtert. Er sieht sich gezwungen, die Tour abzubrechen. Er hat vor, noch ein Stück weiter zu fahren und sich dann auf österreichischer Seite abholen zu lassen. Wir verabschieden uns und während ich zum Hotel aufbreche, ist Erwin schon wieder auf der Donau. Die zwei Schlussetappen muss ich alleine absolvieren.


Im "Hafen" in Erlau bei Obernzell

Da Erlau nahe der Stadt Obernzell liegt, frage ich beim Hotelwirt nach, ob es eine Möglichkeit gibt, ein Taxi für die fünf Kilometer zu mieten. Die ernüchternde Antwort: Man kann ein Taxi aus Passau kommen lassen, das koste aber nur für die Anfahrt schon 25 Euro und für die Rückfahrt natürlich dasselbe. Ich verzichte also auf die Stadtbesichtigung und lerne dafür Erlau ein bisschen näher kennen. Nach einem leichten Abendessen gehe ich früh schlafen, vergesse aber nach den Frühstückszeiten zu fragen.

Montag (ein österreichischer Feiertag):

Um viertel nach sieben stehe ich vor der verschlossenen Tür zum Frühstücksraum. Um halb acht ebenfalls. Um acht Uhr werde ich schließlich eingelassen. Es gibt ein gutes Frühstück, bevor ich mich auf den Weg zum Boot machen kann. Um 9:30 Uhr bin ich dann wieder auf dem Wasser. Nach ein paar Kilometern fahre ich an Obernzell vorbei und beschließe, diese Stadt mal mit dem Auto zu besuchen. Heute heißt es nur einmal umsetzen und zwar am Kraftwerk Jochenstein. Die Umsetzanlage ist rechts und gut ausgeführt. Beim Einsetzen im Unterwasser muss ich mich mit einem Angler ins Einvernehmen setzen, der die Rampe besetzt hält. Wir finden eine für uns beide akzeptable Lösung. Es folgen wieder unglaublich viele Ausflugsschiffe und Motorboote. Verkehr wie im Ruhrpott.

Die Donaustrecke mit den Burgen, Ruinen und Schlössern

Es geht an der österreichischen Marktgemeinde Engelhartszell und dem Kloster Engelszell vorbei, dann kommt links das im Jahr 1240 erbaute Schloss Rannariedl. Rechts folgt Wesenufer und später links das Schloss Marsbach und die RuineHaichenbach auf dem Gipfel der Schlögener Schlinge. Als der Ort Schlögen in der Ferne sichtbar wird, dauert es noch eine halbe Ewigkeit, bis ich ihn erreiche. Die Strömung ist schon nach Wesenufer deutlich geringer geworden und es gibt wieder mal keinen Stundenkilometer gratis. 

In Schlögen kommen zu den Motorbooten und Ausflugsschiffen noch ein paar Fähren. Der Steuermann einer hölzernen Querfähre gebärdet sich besonders aggressiv und hupt wie ein Hochseeschiff, obwohl er noch weit weg ist und sieht, dass ich ganz sicher schon aus seiner Linie bin, wenn er dort anlangt. Vielleicht ist es die Hitze. Die Schlögener Schlinge zieht sich ganz schön. Es sind insgesamt fast fünf Kilometer, die man auf der Donau von Schlögen aus zuerst nach Nordwest und dann nach Südost fährt, bevor man in Inzell ankommt. In Inzell gibt es eine ganze Reihe guter Aussetzstellen und ich wandere mit meinem Boot am Bootswagen zum „Haus Maria“, einer kleinen Pension, in der Erwin für mich ein Zimmer bestellt hat. In einer Gartennische darf ich mein Boot lagern. Nach der obligaten Dusche und dem Kleidungswechsel rinnen zwei „gespritze Apfelsaft“ durch meine Kehle. Zum Essen ist es noch zu früh.

Die kleine Pension in Inzell
Als sich eine Längsfähre nähert, um Radfahrer mitzunehmen, erkenne ich den „Käpt'n“. Es ist ein junger alter Bekannter, den ich Jahre nicht mehr gesehen habe. Wir verabreden uns nach seinem Dienstschluss beim Gasthaus Reisinger auf ein Abendessen. Um halb sechs trifft er auf seiner Fähre ein. Es wird ein kurzweiliger Abend, bei dem wir uns über Gott und die Welt, frühere und aktuelle Ereignisse, interessante Erlebnisse und gemeinsame Bekannte unterhalten. Kurz vor der Dämmerung muss er weg, das Boot in die „Garage“ bringen. Ich gehe wieder früh zu Bett.

Dienstag:

Morgens um dreiviertel neun bin ich wieder auf dem Wasser. Es ist heute fast gespenstisch ruhig. Keine Schiffe, keine Motorboote, nur die glatte Donau, die ich mit meiner Kielwelle verziere. Ich komme nach fünf Kilometern bei Obermühl vorbei, dann, nach zehn Kilometern bei Untermühl mit dem prächtigen Schloss Neuhaus, hoch oben am Berg. Dann folgt das Kraftwerk Aschach mit einer guten Umsetzanlage. Gleich nach dem Einsetzen im Unterwasser beginnt rechts der Markt Aschach, mit seiner bunten Häuserreihe, die sich der Donau entlang hinzieht.


Markt Aschach

Entwertet wird der schöne Ort nur durch eine Batterie riesiger, hässlicher Silos am Südende.
Bei der Fahrt durch eine flache Auenlandschaft kündigt sich bereits der Rückstau des nächsten Kraftwerkes an. Kurz nach Aschach komme ich an der Brandstatt, bei Eferding vorbei und dann gibt es wenig Abwechslung bis zum Kraftwerk Ottensheim. Hier führt die Umsetzanlage zur etwa zwei Kilometer langen Regattastrecke im Altarm der Donau. Von hier hat man einen sehr schönen Blick auf das Schloss und den Ort Ottensheim am linken Donauufer.
Ich möchte aber nach rechts, nach Wilhering, wo sich gleich nach der Seilfähre die Rampe befindet, wo ich mein Faltboot zerlegen und verpacken und auf meine Frau warten kann, die mich mit dem Auto wieder nach Hause bringt. Um 14:30 Uhr lege ich an.


Blick von der Regattastrecke auf Ottensheim
Es war eine schöne, abwechslungsreiche Tour, auch wenn sie als Gruppenfahrt geplant war und ich sie alleine beenden musste.

20130704

Schnuppern bei der TID

Mit der TID von Ingolstadt bis Wilhering

Die Donauanrainerstaaten


Die TID ist eine einmal jährlich stattfindende „Tour International Danubien“ von Ingolstadt (Deutschland) bis Sf Gheorghe am Schwarzen Meer (Rumänien), mit dem Ziel, die Donauanrainerstaaten sportlich-freundschaftlich zu verbinden.


2013 hat die TID zum 58. Mal stattgefunden und ich wollte diesmal dabei sein. Wenigstens ein Stück des ab Ingolstadt noch 2455 km langen Weges dieses völkerverbindenden Stromes bis zu seiner Mündung im Schwarzen Meer.



Es versteht sich von selbst, dass alles hier Angeführte nur die subjektiven Eindrücke eines Teilnehmers sind, die keinerlei Anspruch erheben, Geist und Organisation der TID auch nur annähernd abzubilden. Vielleicht ist dieser Bericht aber für den einen oder anderen Kanuten oder Ruderer eine Entscheidungshilfe, es einmal selbst mit der TID zu versuchen.

Abendstimmung

Die Anreise

Dankenswerterweise nimmt meine Frau es auf sich, sowohl mich, als auch meinen Aerius Langeiner Kajak von Klepper und meine Bootssäcke mit Ausrüstung von Leonding bei Linz, in Österreich, nach Ingolstadt zu fahren und dann abzuwarten, ob ich es – wie eine Brieftaube – wieder schaffe, irgendwie nach Hause zurückzufinden.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Gasthof „Auwaldsee“ setzt sie mich am Zeltplatz des Bootshauses aus um nach Hause zu eilen, wo am Wochenende eine ganze Latte von Sommerfesten stattfinden, an denen eigentlich auch ich hätte teilnehmen sollen.

Erste Eindrücke

Der Tag meiner Anreise ist Freitag. Die 58. TID soll, nach ihrer offiziellen Eröffnung am Samstagabend, Sonntagfrüh losgehen. So habe ich viel Zeit, meine ersten Eindrücke noch am Trockendock zu sammeln. Das erste, was mir auffällt, ist, dass die TID zum großen Teil aus „Alten Hasen“, natürlich auch Häsinnen, besteht, die einander oft schon seit Jahrzehnten kennen. Manche von ihnen kommen zur Eröffnung nach Ingolstadt, ohne anschließend mitzufahren, nur um alte Bekanntschaften aufzufrischen. Manche sind bei der Eröffnung dabei und steigen erst später auf einer Teilstrecke durch irgend ein südöstliches Land ein. Ich treffe PaddelkollegInnen, die schon seit mehr als 20 Jahren dabei sind.

Clubgelände in Ingolstadt


Ein Ehepaar aus Österreich spricht mich an und wird damit für mich als TID-Neuling zum sozialen Brückenkopf in dieser großen Gemeinschaft. Die beiden erzählen mir von ihren Erfahrungen als Paddler und als langjährige TID-Vertraute.

Um uns seelisch auf die nächsten Tage vorzubereiten, öffnet der Himmel bereits am Vormittag zeitweilig seine Schleusen. Gerade als ich meinen Plan, zu Fuß die Innenstadt zu besuchen, aufgeben will, kommt die Sonne durch. Meine neuen österreichischen Freunde laden mich ein, mit ihnen den etwa zwei km weiten Weg in die Stadt zu gehen, was ich gerne annehme. Dort angekommen, essen wir am Viktualienmarkt unsere Weißwurst mit Laugengebäck-Brezen und dopen uns für den nächsten Tag mit einem kleinen Bier. Klein heißt in Bayern ein halber Liter. Um meinen Begleitern und ihren Freunden, die sie in der Stadt inzwischen getroffen haben, nicht auf die Nerven zu fallen, bedanke ich mich für die Begleitung und mache mich alleine auf, die Stadt zu besichtigen. Es findet gerade ein großes, sympathisches Multikultifest mit Essen, Tanz und Gesang statt, wo ich bei ein paar der angebotenen süßen Imbisse nicht widerstehen kann.

Samstagabend ist der Zeltplatz bereits gerammelt voll und mein auf dem Bootswagen ruhendes Kajak neben meinem kleinen Zelt ist hoffnungslos zugeparkt. Macht aber nichts, weil nächsten Tag ohnehin alle miteinander aufbrechen. Neben sozusagen „normalen“ Booten fallen mir viele Wasserfahrzeuge auf, deren Kapitäne ein gewisses Bastlertalent offenbaren. Vom selbst mit LKW-Planenstoff überzogenen Faltbootgerippe bis zur komplizierten Besegelungen mit Auslegern ist alles dabei. Im Laufe der nächsten Tage werde ich mit den mehr oder weniger guten Fahreigenschaften der einzelnen Boote vertraut werden. Es sind übrigens nicht nur Kanuten, sondern auch Ruderer dabei. Nach der TID ist man ganz sicher Experte in Boots- und Ausrüstungsfragen fürs Flusswandern.

Marke Eigenbau
 

Hauptsächlich wegen der langen Zeit, die eine Befahrung der ganzen Donau erfordert, und wegen der langjährigen Teilnahme vieler, liegt der Altersschnitt der TID-ler relativ hoch und wir alle sind froh um sechs AbiturientInnen aus Deutschland, die sich heuer den Donauwellen auf Ruderbooten anvertrauen. Diese jungen Leute und ein Vierjähriger, der mit seiner Mama ein Teilstück mitfährt, bevor die beiden das Abenteuer dem Papa alleine überlassen, helfen, den Altersschnitt ein bisschen zu drücken. Andererseits freue ich mich, mit meinen stark zum Weiß tendierenden verbliebenen Haaren bei der TID altersmäßig nicht sonderlich aufzufallen.

Sicherheitsschulung

Um 17 Uhr gibt es eine Sicherheitsschulung. Ich beneide den Mann nicht um seine Aufgabe, den mehr als hundert mit allen Wassern gewaschenen Individualisten grundlegende Sicherheitsfragen zu vermitteln. Er macht das aber extrem gut und bringt fast alle dazu, auf der Fahrt ihre Schwimmwesten zu tragen. Ich selber habe das bisher nur gemacht, wenn es – z. B. bei Schleusungen – unumgängliche Vorschrift war. Jetzt sehe ich es etwa so wie das Tragen eines Sicherheitsgurts, den man ja auch hoffentlich nie braucht, der aber ganz nützlich ist, wenn es mal kracht. Außerdem ist man die Sorge los, wo man das voluminöse Ding im winzigen Boot verstauen soll. Es gibt Hinweise zu den grünen Bojen links und den roten rechts, Hinweise auf Riesenschiffe, die sich lautlos von hinten nähern, Hinweise auf den mehrere hundert Meter weiten Toten Winkel von Frachtern, was uns endgültig davon überzeugt, lieber selber zu reagieren als unsere Sicherheit in die Hände der Steuermänner der großen Schiffe zu legen. Wir werden mit der frappierenden Eigenschaft von Bojen und Brückenpfeilern vertraut gemacht, sich bei starker Strömung wesentlich schneller zu nähern, als man das je vermuten würde und über sinnvolles Verhalten bei aufziehenden Gewittern. Nicht uninteressant sind auch Informationen über das, was uns durch den zurzeit hohen Wasserstand der Donau bei Bootsgassen und Umtragestellen erwartet.

Nach dieser Schulung kommen noch Informationen darüber, was sich die deutsche Flussbürokratie, so alles ausgedacht hat, um die TID-Paddler zu quälen, z. B. Links oder Rechtsfahrgebote auf bestimmten Flussabschnitten oder Zeitfenster, die von TID-Fahrern auf Teilstrecken eingehalten werden müssen und welches Verhalten von uns bei Schleusungen erwartet wird. Lernt man die Strompolizei bei den abendlichen Empfängen näher kennen, stellt sich aber heraus, dass das eigentlich ganz nette und umgängliche Leute sind. Wie schauen lebensfremde Bürokraten eigentlich aus und wo verstecken sie sich?

Die Organisationsform der TID

Bei meiner Anmeldung zur TID hatte ich den Eindruck einer zentralen Organisation, was sich bei näherem Hinsehen als völlig falsch erwies. Meine Anmeldung bei der deutschen TID, die ich im Internet gefunden hatte, war dadurch zunächst an die falsche Adresse gerichtet. Hätte ich bei Google statt „tid“ einmal „tid austria“ eingegeben, wäre mir das auf nationale Verbände gestützte Organigramm früher aufgegangen. So wie ich es jetzt verstehe, gibt es Landesorganisationen aller Donauanrainerstaaten, bei denen man sich anmeldet und auch den Teilnahmebeitrag bezahlt. In jedem Land ist jemand dafür verantwortlich, die Teilnehmer der TID, die durch dieses Land paddeln oder rudern, unfallfrei, gesund und wohlgenährt an das donauabwärts liegende Nachbarland weiterzureichen. Letztere Eigenschaft ist nicht so ernst zu nehmen, weil manche TID-ler ihre Fahrt auch als Schlankheitskur anlegen. Trotzdem sorgen viele der Gastgeberklubs der verschiedenen Länder für üppige Verpflegung an den Abenden, bei denen es meist auch Empfänge der lokalen Prominenz mit Vorstellung der Teilnehmernationen und Reden, manchmal sogar Musik, gibt. Die Gastgeberklubs sind durchwegs sehr bemüht, alles zu tun, um den TID-Teilnehmern das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Das ist 2013 bei den deutschen Klubs besonders bemerkenswert, weil die Bootshäuser und Zeltplätze mancher Vereine noch zwei Wochen zuvor von einem unglaublichen Hochwasser betroffen waren.

Auf der Fahrt selber gibt es für die Kanuten zwar die selbstverständliche Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfeleistung im Notfall, aber sonst völlige Freiheit für die Gestaltung der Fahrt von A nach B, sowohl was Abfahrtszeit, Geschwindigkeit oder Pausen betrifft. Lediglich im Fall von Problemen oder wenn man es nicht schafft, bis 18 Uhr des jeweiligen Tages am Zielort anzukommen, ist man verpflichtet, das TID-Telefon, welches von einem Landesverantwortlichen an den anderen weitergereicht wird, anzurufen.

Der Start in Ingolstadt zur Fahrt nach Kelheim

Sonntag Früh regnet es noch ein bisschen, was heißt, ein nasses Zelt einzupacken. Die Abfahrtszeit ist für ungefähr neun Uhr vorgesehen. Weil ohnehin nicht alle gleichzeitig die Abfahrtsrampe benutzen können und weil der frühe Vogel den Wurm fängt, bin ich bereits um halb neun am Wasser. Es ist kühl, was durch einen leichten Sprühregen noch verstärkt wird. Es folgt ein schöner Flussabschnitt mit der Staustufe Vohburg und dem Höhepunkt des heutigen Tages, dem Donaudurchbruch beim Kloster Weltenburg. Weltenburg ist nicht nur Kloster, sondern auch Brauerei und Gasthof, was auf mich sehr einladend wirkt. Wie die vielen, malerisch auf der Schotterbank vor dem Kloster liegenden Kajaks und Canadier kurze Zeit später zeigen, nicht nur auf mich. Kurz nach mir landen der ehemalige und der amtierende Österreich-Verantwortliche der TID und ich gehe mit ihnen in Richtung Gasthof. Dort nehme ich ein „Dunkles“ sowie eine – sehr empfehlenswerte – Klosterwurst mit Gemüse und Rahmsauce zu mir. Dabei beginne ich zu ahnen, dass Paddeln nicht immer in einem Gewichtsverlust münden muss.

Donaudurchbruch


Anlanden auf der Schotterbank vor dem Kloster Weltenburg


Die heutige Fahrt endet nach 45 Tageskilometern nach Einfahrt in den Main-Donau-Kanal an einer breiten, steilen Grasrampe, zu der wir durch einen Nebenarm, der mit einem Riesen-TID-Wimpel gekennzeichnet ist, vordringen. Zwei freundliche Paddelkollegen helfen mir, mein schweres Boot die steile Wiese hochzuziehen und auf dem Bootswagen zu platzieren. Dann geht es etwa 400 m in Richtung eines Sportplatzes, auf dem schon die ersten Zelte stehen. Ich suche mir einen Platz nahe an der Umzäunung aus. In wenigen Minuten ist das von der Früh noch nasse Zelt aufgestellt und hat Zeit zum Trocknen. Eine Stunde später habe ich bereits ein gemütliches, trockenes Zuhause, in dem ich mich wohl fühle. Vom Zeltplatz aus ist die Befreiungshalle Kelheim zu sehen.

Ankunft in Kelheim



Befreiungshalle


Abends gibt es den ab nun täglich üblichen Empfang des Gastgeberklubs mit Bürgermeister und heute auch mit Freibier und bayrischen Laugenbrezen. Beim anschließenden Briefing für das nächste Teilstück lerne ich zwei der von uns vier, neben der österreichischen Fahrtenleitung, auf dieser Teilstrecke fahrenden Österreichern kennen. Wir stellen uns gegenseitig vor und tauschen unsere ersten Eindrücke aus, denn wir alle drei sind TID-Neulinge.

Montag Kelheim - Regensburg

Nach Morgenmarsch zur Grasrampe und Einsetzen des Bootes geht es in Richtung der attraktiven Stadt Regensburg. Heute sind am Fahrplan nur 30 km vorgesehen. Ich freue mich schon sehr auf die Besichtigung der Stadt, die ich bereits früher schon mal besucht habe. Auf der Fahrt ist zunächst wegen einer gesperrten Bootsgasse umzutragen und dann kommt der Stauraum Bad Abbach mit anschließender Schleusung. Vor der Schleuse legen einige Boote einen ordentlichen Sprint hin, da sich von hinten ein Frachtschiff nähert und wir noch mitkommen wollen. Nachdem das Schiff in der Schleusenkammer ist und wir nur mehr knapp dahinter, springt die Schleusenampel auf rot. Lange Gesichter und grollende Gedanken bei uns. Die Kammer bleibt aber offen und nachdem der Frachter ganz nach vorne gefahren ist, erlöst uns wieder das grüne Licht, das die Schleuse auch für uns freigibt!

Das anschließende Teilstück nach Regensburg fahre ich zusammen mit einem meiner beiden österreichischen Kollegen. Er ist nebenberuflich Imker und ich erfahre dabei eine Menge über Bienen und die Zunft der Imkerei. Durch das Gesrpräch wird es zu einer der kurzweiligsten Strecken auf der ganzen Fahrt!

Nach Ankunft beim Regensburger Kanu-Klub folgt Zeltaufbau und Marsch in die Stadt. In meinen Eingeweiden wühlt der Hunger, weil ich heute außer meinem persönlichen Kraftfutter, zwei getrockneten Feigen und einer Mozartkugel, nichts gefrühstückt habe und es jetzt bereits früher Nachmittag ist. Mein Freund und ich werfen daher zunächst nur einen kurzen Blick auf die Steinerne Brücke und fallen dann gleich in einem italienisches Restaurant ein, wo wir uns jeder für eine Pizza entscheiden. Als die beiden geliefert werden, stellt sich heraus, sie sind wagenradgroß und hängen noch zehn cm über den Rand des Riesentellers. Wir ersuchen einen zufällig vorbeikommenden Kollegen aus Deutschland, ein Beweisfoto zu schießen, weil uns das sonst niemand glauben würde. Dann machen wir uns ans Werk. Trotz meines Hungers schaffe ich mein Teigstück nicht zur Gänze. Mein Freund lässt sich ein Viertel des seinen sogar einpacken. Als Frühstück für morgen.

Jetzt ist bei uns wieder freie gedankliche Kapazität zur Stadtbesichtigung vorhanden. Komischerweise ist der Magen noch nicht so voll, dass sich nicht auch noch zwei Eiskugeln hineinzwängen ließen.

Beim Marsch zurück zum Zeltplatz begegnet uns neben entgegenkommenden Kollegen auch ein saftiger Regenguss, den wir unter dem Dachvorsprung einer Garage abwettern.
Beim Zeltplatz angekommen, stellt sich dieser als gerammelt voll dar. Zwischen den Zelten ist kaum noch Gras sichtbar.

Dicht belegte Zeltstadt


Was folgt, ist ein heftiger Gewitterregen, das Briefing für morgen, eine abendliche Bratwürstelsemmel mit süßem Senf – erstaunlich, was in einen hineinpasst – und ein SMS nach Hause, bevor der Sandmann kommt.

Dienstag Regensburg – Straubing

Der Dienstag hat's in sich. Das weiß ich aber in der Früh noch nicht. Nun der Reihe nach. Ich fahre mit einem meiner österreichischen Freunde um sieben Uhr ab. Schöne Einsetzstelle beim Klub. Nach eineinhalb Kilometern kommt die Bootsgasse Regensburg. Sie ist gesperrt. Interessanterweise steht auf einer Leuchttafel „Wegen Niedrigwasser“, obwohl die Wehrüberläufe nur so rauschen. Von einer Besichtigung gestern wissen wir, dass die offiziell gesperrte Gasse fahrbar ist. Keck gleiten wir hinein und absolvieren sie problemlos, wenn man davon absieht, dass ich, weil ich zu langsam einfahre, mit dem Paddel nachhelfen muss, um endlich ins Rutschen zu kommen.

Es folgt die berühmte Steinerne Brücke, bei der wir beim gestrigen Briefing darauf hingewiesen wurden, keinesfalls das erste Joch, sondern das zweite oder dritte zu nehmen, um bei der vorliegenden starken Strömung keine Schwierigkeiten mit den dahinter liegenden Schiffen zu bekommen. Ich fahre das dritte Joch an und mein Boot wird schön gerade durchgespült und bei den folgenden Wirbeln nur ein bisschen gebeutelt. Dann geht es weiter, zunächst an der für Regensburg namensgebenden Regen-Mündung vorbei und später an der links hoch oben liegenden Walhalla.
Eine Stunde später spielt sich hinter uns ein Drama ab, weil ein ausländischer Paddelkollege, der gestern vielleicht wegen mangelnder Deutschkenntnisse die Warnung vor der Brücke nicht mitbekommen hat, durch die erste Brückenöffnung fährt und mit dem Boot unter ein Schiff gezogen wird. Ein Schweizer Kollege, der vor ihm lag, hilft ihm beim Aufsammeln von Boot, Paddel und Ausrüstung und berichtet, dass innerhalb von Minuten Wasserpolizei, Rettung, Feuerwehr und ein Hubschrauber da waren. Gott sei Dank wurde niemand verletzt. Der betroffene Paddler wurde von der TID-Leitung lediglich ersucht, diesen Tag auszusetzen, um nicht durch einen eventuellen Schock gefährdet zu sein.

Wir bewegen uns inzwischen im Stauraum Geisling und tragen bei der Umsetzanlage etwa 400 m weit um. Bei den Schützen des dortigen Wehrs läuft das Wasser in solchen Massen über, dass es bei der Einsetzstelle für unsere Boote noch so kocht, dass diese beim Einsteigen ordentlich durcheinandergewirbelt werden und drohen, gegen die Betonwand zu prallen. Wir helfen uns gegenseitig, indem wir die abfahrenden Boote im Wasser stehend mit beiden Händen halten. Der oder die Letzte musste den Einstieg allerdings alleine managen. 

Hoher Wasserstand


Was dann folgt, ist eine lange Strecke bei Regen bzw. Starkregen. Als es wie aus Kübeln schüttet, nehmen wir die Ästhetik so eines Wetters auf dem Wasser wahr. Riesentropfen knallen auf die Wellen und bilden vor uns ein unnachahmliches Muster. Ich bin, trotz Anoraks, komplett durchnässt. Solange ich mich bewege, ist mir trotzdem nicht kalt.

Gegen Mittag machen einige von uns eine Pause in einem Wirtshaus in einem wegen eines Damms vom Fluss aus kaum wahrnehmbaren Dörfchen. Im Gastraum komme ich drauf, dass ich unter meinem Anorak immer noch meine Schwimmweste anhabe. Dort bollert ein Ofen und wir essen „Saure Zipfel“, gekochte, wie Forelle Blau zubereitete Bratwürste. Offenbar eine bayrische Spezialität. Gegen die Kälte trinke ich ein Bier.

Noch immer pitschnass steigen wir wieder in unsere Kajaks und fahren bei unterschiedlich starkem Regen weiter nach Straubing. Als sich die Donau teilt, halten wir uns außerhalb der Schifffahrtsrinne rechts, wo wir bald den Straubinger Kanu-Club erreichen und rechts über eine Stiege zunächst auf eine Fläche kommen, die wegen des fürchterlichen Regens und der vielen Paddler mit ihren Booten bereits zerwühlt ist, wie ein Wildschweingehege. Dann müssen wir mit unseren Booten einen steilen Damm überwinden, um zum Zeltplatz zu kommen. Bei all diesen Tätigkeiten werden wir von unerschrockenen TID-MitarbeiterInnen und Mitgliedern des Straubinger Kanu-Clubs im strömenden Regen aufopfernd unterstützt. Der Zeltaufbau erfolgt bei Regen. Alles, was nicht in Bootssäcken verstaut ist, ist nass. Wenn der Regen vorübergehend aufhört, versuchen alle, bei einem von den tapferen Straubingern aufgebauten, aus einem Blechfass gefertigten Ofen, wenigstens einige ihrer Kleider zu trocknen. 

Wäschetrockner


Im Bootshaus, an den Zäunen, in einer Garage, im Aufenthaltsraum, überall hängen die nassen Kleider der mehr als 100 Leute unser internationalen Gruppe. Die Stimmung ist trotzdem gut und ausgelassen. Die Ungarn kochen Gulasch für uns, Semmeln werden verteilt und wir lassen uns das bayrische Bier schmecken.
Abends ist Bürgermeisterempfang. Jeder versucht irgend ein Plätzchen zu finden, wo es nicht hinregnet. Neben der Nässe wird es nun auch noch relativ kalt.

Mittwoch Ruhetag

Gestern haben wir 55 Kilometer gemacht, übermorgen sollen es 60 werden und am Freitag 52. Aber heute ist Ruhetag. Der Regen hat aufgehört, am ganzen Gelände hängt feuchte Wäsche herum, es wird ein Frühstücksbuffet angeboten und ich lausche den Erzählungen einiger erfahrener TID-ler. So muss es 1849 beim Gold Rush im Kalifornien zugegangen sein. Nur dass neben abgehärteten Männern hier auch viele Frauen mitmischen, von denen man eine Menge über das Leben auf dem Wasser und in der Natur lernen kann. Aus den Gesprächen entnehme ich viele Tipps, betreffend die Qualität von Booten und Ausrüstungsgegenständen und einiges über die Schönheit oder die Befahrbarkeit deutscher Flüsse.

Ein „Alter“ erzählt auch von einem schweren Unfall viele Jahre zuvor. Im damals noch tschechoslowakischen Teil der Donau wurde ein Zweierkajak an eine Boje getrieben, blieb dort hängen und wurde von der dort extrem starken Strömung unter Wasser gezogen. Einer der beiden Paddler kam aus dem Boot noch heraus, während der andere nur noch tot geborgen werden konnte. Es wird auch von einem Kollegen erzählt, der auf der Fahrt einen Herzinfarkt erlitt und gestorben ist und von vielen anderen kleineren und größeren Unfällen, die sich im Laufe der Zeit ereignet haben.

Einige erzählen von den Fahrten durch das Eiserne Tor, den Strapazen durch die dort häufigen Fallwinde und der Anstrengung der es manchmal bedarf, gut durch diese Enge zu kommen. Manche der weit gepaddelten TID-ler erzählen auch vom serbisch-rumänischen Kraftwerk Djerdap I und seiner beeindruckenden Doppelschleuse, mit der 30 Meter Höhenunterschied bewältigt werden.

Für 10 Uhr ist heute eine Stadtführung in Straubing vorgesehen. Ohne viel Vertrauen in die Sinnhaftigkeit meines Tuns, hänge ich vorher noch einige Kleidungsstücke an einem Zaun und einer am Zelt befestigten Wäscheleine auf. Ein Blick zum Himmel zeigt Trübes. Dann marschiere ich zum Treffpunkt und mit der Gruppe in die Stadt.

Wir gehen in ein Museum mit römischen Funden, erfahren etwas über die Geschichte der Stadt und die Agnes-Bernauer Festspiele, die alternierend zur Landshuter Hochzeit stattfinden und einer Agnes Bernauer gedenken, die im 15. Jahrhundert eine Beziehung mit Herzog Albrecht III eingegangen war, und weil diese als nicht standesgemäß galt, von den Mächtigen ihrer Zeit beiseite geräumt und umgebracht worden ist. Natürlich hat man sie nicht einfach ermordet, sondern formalrechtlich höchst sauber der Zauberei (eines Liebeszaubers) angeklagt, verurteilt und erst dann – wie es dem Recht entsprach – in der Donau ertränkt.

Nach der Führung gehe ich mit meinem österreichischen Imker-Freund in ein Lokal im Zentrum essen. Dann geht es zurück zum temporären Heim. Ich hole die inzwischen trockene Wäsche ein und gehe dann wieder in die Stadt bummeln und ein paar Fotos schießen. Das Wetter scheint immer besser zu werden!

Abends erfahre ich, dass das Wetter auch morgen trocken sein soll. Beim Briefing für den nächsten Paddeltag werden wir über die strengen wasserpolizeilichen Auflagen für die TID informiert. Wegen der Hochwasserschäden in Winzer wurde zudem der Zeltplatz verlegt und wir müssen statt der ursprünglich vorgesehenen 60 km 64 km paddeln. Dafür verkürzt sich die Strecke am darauffolgenden Tag entsprechend.

Donnerstag Straubing - Winzer

Obwohl ich durch Boote und Zelte „zugeparkt“ bin, gelingt es mir, weil sich der Zeltplatz langsam lichtet, einen Weg durch das Labyrinth zu finden und um acht Uhr zu starten. Ich setze an einem alternativen Platz ein, an dem es eine schöne Rampe und ein gutes Kehrwasser gibt. Der Weg dort hin ist zwar etwa einen Kilometer lang, aber er zahlt sich aus. Es folgt eine ruhige, schöne Fahrt. Wegen des hohen Wasserstandes gibt es leider fast keine Schotterbänke, die die hier schön mäandernde Donau sonst so romantisch machen.

Nach 35 km macht die ganze Gruppe in „Willis Saustall“ Mittagspause. Es gibt Schweinesteak, Salat, Beilagen und Kuchen.

Bei der Weiterfahrt bemühen wir uns, die durch die Wasserpolizei verordneten Zeitfenster für die Passage Isar-Mündung oder die Mühlhamer Schleife einzuhalten und bei den jeweiligen Strecken auch die gebotene Fahrseite zu benutzen, was ein Einzelpaddler kaum tun würde, weil er oder sie einfach nach Vernunft und Hausverstand handelt.

Das letzte Stück auf unserer heute 64 km langen Reise nach Winzer haben wir Sonne! Ganz was Neues! Wir erreichen einen großen Zeltplatz, dem das vergangene Hochwasser noch etwas anzusehen ist. Die KollegInnen dort haben sich ordentlich Mühe gegeben, die TID würdig zu empfangen. Es gibt Kaffee, Kuchen, Abendessen, Getränke, alles was das Paddlerherz begehrt. Um 18 Uhr gibt es eine Rede von Bootsclub-Leiter, Bürgermeister, Landrat. Die teilnehmenden Nationen werden vorgestellt, der Bürgermeister spendet ein Fass Freibier.


Freitag Winzer - Erlau

Abfahrt um 6.15 Uhr. Bei guter Strömung kommen wir durch Vilshofen über den Stauraum und das Kraftwerk Kachlet. Umtragen bei Kachlet, weil mir das Warten auf die Schleusung zu lange dauern würde. Um 11.45 Uhr fahre ich durch Passau. Laut Wasserpolizei müssen sich die TID-Wasserfahrzeuge hier links halten, was durchaus vernünftig ist, weil rechts die vielen in Passau liegenden Passagierschiffe fahren oder auf dieser Seite starten. Ursprünglich wollten uns die Behörden hier im Pulk fahren lassen, aber die deutsche TID-Leitung hat ihnen das dann doch ausreden können. Die Fahrt durch Passau ist unkompliziert und schön. Manchmal gibt es durch Schiffe und Kaimauer verursachte hohe Kreuzwellen, die aber keine wirklichen Probleme machen. 


Innmündung

Nach Passau kommt mir ein Frachtschiff entgegen, das harmlos aussieht, es für mich aber in sich hat. Ich fahre am relativ flachen rechten Rand der Donau. Die Kielwelle des Schiffes ist eng und hoch. Trotzdem kein Problem. Da sehe ich, wie sich die Welle immer mehr spitz aufbaut und genau vor meinem Bug bricht. Damit schwappt eine Wassermenge über mein Deck, die durch den Drei-Zentimeter-Süllrand meines Bootes nicht bewältigbar ist. Da ich ohne Spritzdecke fahre, kriegt das Boot eine Menge Wasser ab und ich bin von Kopf bis Fuß durchnässt. An einem Sonnentag stört so etwas aber nicht weiter.

In Erlau angekommen, sehe ich mit einigem Entsetzen, dass der Ausstieg mit zwei hohen Stiegen für schwer bepackte Boote alles andere als ideal ist. Irgendwie und mit Hilfe zweier herbeigeeilter ungarischer Kollegen gelingt es mir, mein Faltboot über die mit spitzen Steinen gespickte Hürde und nachher auf meinen Bootswagen zu bekommen.

Obwohl der Platz riesig ist, gibt es nur wenige Stellen auf denen mehr Gras zu sehen ist, als getrocknete Schlammreste. Ich suche mir eine geeignete, baue mein Zelt auf und mache mich dann daran, mein Boot mit dem Schwamm trocken zu legen. Bei der Menge, die hereingeschwappt ist, dauert das eine Weile.

Um 17 Uhr gehen wir essen. Es gibt gebratenes Fleisch, Nudelbeilagen, Salat und Semmeln. Eine Stunde später, fängt es plötzlich sehr heftig zu regnen an. Der Regen hält etwa 30 Minuten an und hört dann ebenso plötzlich auf, wie er begonnen hat. Die Inspektion meines Zeltes ergibt einen innen nassen Zeltboden. Jetzt bleibt mir zum Schlafen nur der trockene Streifen meiner 50 cm Thermomatte. Nach einiger Überlegung verbreitere ich die Trockenzone mit Hilfe der leeren Bootssäcke für Thermomatte, Zelt und Schlafsack um weitere 20 cm und rette somit meine Nachtruhe.

Samstag Ruhetag

Heute ist wieder Ruhetag. Eine Busfahrt nach Passau wird angeboten. Die Rückfahrt ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln selbst zu organisieren. Der Zeltplatz ist noch sehr nass und es gibt viele Wasserlachen.

Passau


Um 9 Uhr fährt der Bus ab, bringt uns zunächst auf die Veste Oberhaus, wo wir 20 Minuten lang Fotos schießen dürfen und dann in die Stadt. In einer lockeren Gruppe, zwei Deutsche, ein Schweizer und drei Österreicher, besichtigen wir die Stadt und nehmen etwas underdressed am Schlussteil einer sehr festlichen Messe mit Bischof und opulentem Orgelspiel teil. Es dürfte sich um eine Priesterweihe oder etwas ähnliches handeln. Anschließend gehen wir essen. Dann löst sich unsere Gruppe in Einzelpersonen auf, um sich später in einem Outdoorladen wieder zu treffen, wo wir essenzielle Teile unserer Ausrüstung ergänzen.

Dann besuchen wir ein Riesen-Elektronikgeschäft, weil einem von uns eine Kamera fehlt, die er aber dann doch nicht anschafft und schließlich gehen wir zum Bahnhof, um unseren Bus nach Erlau zu besteigen. Wahrscheinlich kommt es nur einmal im Jahr vor, dass der Bus um 15.50 von Passau nach Erlau wirklich voll ist. Daher muss es für die echten Erlauer ein Schock sein, als sie unseren Bus betreten. Ein Mädchen schreit nach dem Einsteigen entsetzt auf: „Was ist das denn für eine Veranstaltung?!“

Abends gibt es die Abschiedsfeier von der deutschen TID. In diesem Rahmen führe ich ein Gespräch mit einem jungen Serben, der gerade sein Studium beendet. Wir unterhalten uns auf Englisch. Er fährt die TID bis zum Schwarzen Meer. Für die Zeit nach Abschluss seines Studiums sieht er in seiner Heimat für sich kaum eine Perspektive und plant daher für eine gewisse Zeit irgendwo ins Ausland zu gehen, um das Startkapital für ein Geschäft mit landwirtschaftlichem Hintergrund in Serbien zu verdienen. Den Auslandsaufenthalt sieht er nicht als solchen als Wert an. Lieber würde er in seiner Heimat, bei seinen Freunden bleiben. Alles was er sagt klingt sehr vernünftig. Er hat ganz konkrete Pläne und weiß genau was er will. Ich denke, er wird seinen Weg machen und nicht zur „Verlorenen Generation“ seines Landes gehören.
Später lade ich mein Handy mittels eines geliehenen USB-Ladepacks auf, ein Gerät, das man zu Hause aufladet, um es später von seinem Handy „aussaugen“ zu lassen. Sehr praktisch. Der Akku meines Smartphones hat überhaupt nur so lange gehalten, weil ich es abends immer nur kurz zum Empfangen und Versenden von SMS verwendet habe. Der Akku meiner wasserdichten Outdoor-Kamera funktioniert jetzt, nach mehr als einer Woche, immer noch gut.

Sonntag Erlau – Inzell

Um 8 Uhr bin ich bereit zur Abfahrt. Jemand hat am Zeltplatz einen alternativen Einstieg entdeckt, mit der man die für unsere Zwecke schlechte Einsetzstelle des Platzes umgehen kann. Leider ist diese provisorische und etwas verschlammte Rampe von einem selbst gebastelten Riesenboot verstellt. Der Besitzer macht keine Anstalten, in der nächsten Zeit aufzubrechen. Ich entschließe mich daher um halb neun, einen anderen Einstieg zu suchen. Ich finde ihn nach einem Marsch mit Boot auf Bootswagen im Fluss Erlau, nahe der Hauptstraße. Von dort geht es flott zum Kraftwerk Jochenstein, wo die Umtragestelle gesperrt ist. Wir warten auf eine Möglichkeit zur Schleusung, die sich mit der Einfahrt des Personenschiffes „Passau“ ergibt. Nach einem längeren Sprint zur Schleusenkammer reihen wir uns hinter der Passau ein und ich halte mich an einer der Schleusenleitern fest. Kurz darauf hängt eine Traube von fünf Booten an meinem Kajak. Das gleiche Bild ist auch an anderen Leitern im hinteren Bereich der Schleuse zu sehen, als wir gemeinsam die Reise nach unten antreten.

Nun beginnt der eigentliche Weg zur ersten Station in Österreich, nach Inzell. Vorbei geht es am Ort Engelhartszell, am Stift Engelszell, wir ziehen durch die Schlögener Schlinge, wo wir eine halbe Stunde lang von einem heftigen Gegenwind empfangen werden. Durch den Verlauf der Schlinge hört der Wind aber dann plötzlich auf und wir fahren im hier eher engen Donautal an der rechten Seite Innzell an, ein winziges Dörfchen, das fast nur aus zwei Gasthäusern, einem Bio-Bauernhof und einigen wenigen weiteren Häusern besteht, aber bei Radfahrern und Wassersportlern sehr bekannt ist und einen guten Ruf genießt.


Inzell

Die Boote der TID verlassen die Donau nach 33 Tageskilometern über eine Anlegestelle, die Rampe einer Längsfähre oder eine ein Stück stromabwärts liegende sehr gute, flache öffentliche Rampe. Von dort ziehe ich mein Kajak auf dem Bootswagen zum wunderbaren Zeltplatz des Gasthauses Steindl und beginne mit dem Aufbau meines temporären Eigenheimes. Dann gibt’s Bier, ein spätes Mittagessen und nochmals Bier, um die Nieren zu spülen. In einer lockeren Gruppe besprechen wir die Erfahrungen des heutigen Tages. Abends gehe ich zum Biobauernhof auf eine Ziegenwurst mit Ei, Tomate, Vollkornbrot und Birnensaft um dann die heutige Info-Veranstaltung zu besuchen. Ab jetzt übernimmt die österreichische TID-Leitung die Verantwortung. Die deutsche TID-Leitung war echt gut und die österreichische startet gleich mit einem Highlight, einem kleinen Heftchen, das jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin bekommt und in dem die gesamte österreichische Strecke mit allen Kraftwerken, Schleusen und Umtragestellen verzeichnet ist. Der neue Leiter informiert, so wie es auch die deutschen getan haben, auf Deutsch und Englisch über die Strecke. Morgen geht es nach Linz, wo die TID am Zeltplatz des Ruder- und Kanuvereins „Donau“ von der Magistratskapelle der Stadt Linz empfangen werden wird.


Montag Inzell – Wilhering

Um sieben Uhr herum starte ich nach einem Frühstück, das ab sechs Uhr im Gasthaus Steindl angeboten wird zur für mich letzten Etappe der heurigen TID. Ich weiß noch nicht, ob ich in Wilhering oder Linz landen werde, weil ich das vom Zustand der Rampe und des Platzes in Wilhering abhängig mache, der vor zwei Wochen noch in einer Höhe verschlammt war, die ich mir vor dem Hochwasser nicht hätte vorstellen können.

Zunächst geht es 20 km zur Schleuse Aschach, wo um 11 Uhr eine Schleusung für die TID vorgesehen ist. Weil ich nach einer sehr angenehmen und ruhigen Fahrt zu früh dort bin, entschließe ich mich auf der rechten Seite eine ewig lange Strecke umzutragen. Bei der Rampe der ehemaligen Strombauleitung setze ich ein und fahre durch den von der Donau aus gesehen sehr attraktiven Ort Aschach, mit der langen Reihe seiner vielen bunten Häuser. Vier Kilometer nach Aschach taucht auf der rechten Seite die „Brandstatt“ mit ihren beiden Gasthäusern auf. Dort fahre ich in den vom Hochwasser noch recht verschlammten Hafen ein, wo nicht immer die nötige „Handbreit Wasser unterm Kiel“ vorhanden ist. Einmal muss ich aussteigen, um das Boot wieder flott zu bekommen. Dann gibt es ein gemütliches Mittagessen vor der Weiterfahrt zum Kraftwerk Ottensheim. Die Strecke ist wegen des flachen Eferdinger Beckens manchmal ein bisschen eintönig und auch der Stauraum Ottensheim macht sich früh bemerkbar. Die Schleusung für die TID ist in Ottensheim um 15 Uhr vorgesehen. Ich bin mit einigen anderen Booten zu früh dort und wir hoffen, mit einem Schiff durchgeschleust zu werden. Während unserer Wartezeit werden zwar große Schiffe geschleust, aber der Schleusenwärter mag anscheinend keine Kleinboote, denn er lässt – trotz der gesperrten Umsetzanlage in den Altarm – keine muskelbetriebenen Boote einfahren. Es scheint ein Fall von Machtdemonstration vorzuliegen, der nur psychologisch erklärt werden kann.

Um 15 Uhr kommt dann die angekündigte Schleusung nur für die TID. Die vielen bunten Boote in der großen, schwarzen Schleusenkammer, sind ein großartiger Anblick.

Nach dem Kraftwerk kommt rechts eine kleine, erst kürzlich künstlich angelegte Insel. Bei ziemlich hohem Wellengang saust der gesamte Pulk der TID, der gemeinsam aus der Schleuse heraus gestartet ist, bei guter Strömung an der Fähre in Wilhering vorbei. Die auf der Fähre wartenden Menschen werden sich wundern, was da wohl gerade an ihnen vorbeirauscht. Es ist jedenfalls kein alltäglicher Anblick.

Gleich nach der Fähre schwinge ich nach rechts ab, zu einer sehr schönen Rampe in Wilhering. Wenn sie noch verschlammt sein sollte, fahre ich weiter nach Linz. Sollte sie offen und sauber sein, ist die TID hier für mich zu Ende. Ich sehe, die Rampe ist bereits sauber und trocken, und nehme an, das gilt auch für den Parkrasen darüber. Ich kann mich noch kurz von meinem österreichischen Imker-Freund verabschieden und lande an.

Wilhering


Jetzt folgt nur mehr das Zerlegen meines Faltbootes und das Verstauen der Ausrüstung in zwei großen IKEA-Tragesäcken. Dann der Anruf bei meiner Frau, mit der Bitte, mich hier abzuholen. Schließlich sitze ich noch eine Weile auf den Packsäcken, die eben noch mein Boot waren und denke ein bisschen wehmütig an die 12 Prozent des Weges zum Schwarzen Meer, die ich nun mit der TID unterwegs war und an die Freunde, die noch weiterfahren. Sie ist mir ans Herz gewachsen, die TID.

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Link zur österreichischen TID:

TID Austria



20110801

Städtetourismus per Kajak

 Bayern, wo die Donau noch fließt




Wie im Vorjahr überredet Erwin auch heuer Erich, Gerald und mich zu einer gemeinsamen Kajak-Tour. Diesmal soll es auf der Donau durch Bayern und dann nach Linz gehen. Als der Abfahrtstermin naht, naht mit ihm ein skandinavisches Tief, das uns zwei Sommertage mit anschließenden Wintertemperaturen verspricht. Wir verkürzen in unserer Planung die Fahrt auf zwei Tage und eine Mini-Strecke von Straubing bis Vilshofen. Bevor es losgeht verabschiedet sich ausgerechnet der Initiator des Unternehmens, Erwin, ins Krankenhaus. Es wird also statt einer langen Vier-, eine kurze Dreimännerfahrt.

Es geht los

Gegen Mittag brechen wir mit zwei Autos nach Vilshofen auf. Dort parkt Erich seinen Wagen am Gelände des örtlichen Ruderclubs und steigt mit Gerald in unser Fahrzeug um. Ein Citroen C5 Kombi ist ein großes Gefährt. Wenn vier Leute drinnen sitzen, zwei Boote auf dem Dach, ein Faltboot im Kofferraum und die Ausrüstung für eine Drei-Mann-Wanderfahrt im Fahrzeug verstaut sind, wirkt es etwas mickrig. Die vierte Person an Bord ist übrigens meine Frau Gertrude, die die Aufgabe übernommen hat, uns in Straubing auszuwildern und das Auto zurück nach Hause zu bringen.



Straubing

Gertrude überlässt uns am Gelände der gastfreundlichen DKV-Kanustation Straubing erbarmungslos unserem Schicksal. Wir packen unsere Ausrüstung in die Boote und legen sie auf einer Ecke des Rasens schlafen. Dann bewegen wir uns mit dem Notwendigsten in unseren Bootssäcken in Richtung Stadtzentrum. Trotz eines in der Stadt tobenden Jazz-Festivals finden wir freie Hotelzimmer. Frisch geduscht verwandeln wir uns augenblicklich in Touristen. Wir grasen die Stadt ab, bewundern den in der Mitte des Hauptplatzes stehenden Rathausturm, essen in einem Restaurant namens „Zum Geiss“, gleichen unseren Flüssigkeitspegel mit Bier aus und schlürfen am Hauptplatz große Eisbecher leer. Dann laufen wir zurück ins Hotel und ich erreiche, heftig gegen den enormen Widerstand einer Zweidrittelmehrheit argumentierend, dass am nächsten Morgen bereits um sieben Uhr gefrühstückt wird.

Dieses Frühstück findet tatsächlich zur vereinbarten Zeit statt, und schon gegen halb neun schleppen wir die Boote über den Damm an die gut gepflegte Stelle zum Einbooten. In der Morgenkühle beginnt unser Weg nach Osten. Erich ist Paddelnovize, was man aber nicht merkt. Er hat ein schnelles Boot und lässt sich schon von Anfang an bei der Schlagzahl nicht lumpen.





Wir ziehen an Reibersdorf vorbei, bewundern links die schöne Wallfahrtskirche am Bogenberg, unterfahren einige Brücken und bekommen schon wieder Hunger, als die Kirchturmspitze des Ortes Mariaposching links hinter einem Hochwasserdamm auftaucht. Erich und Gerald sind der Meinung, dass dort, wo ein Kirchturm ist, auch ein Kirchenwirt zu finden sei. Kein Rauch ohne Feuer. Wir beschließen, diese Arbeitshypothese zu verifizieren und ziehen die Boote auf eine Schotterbank. Es geht über eine Unkrautwiese in Richtung Damm. Dieser wird erklommen und was liegt direkt unter uns? Erraten! Der Kirchenwirt. Wir genehmigen uns sofort eine Apfelschorle. Dann wird das Essen bestellt, was sich als nicht ganz unschwierig erweist. Zweimal erfahren wir nach Auswahl gemäß dem Angebot der Speisekarte „Ham wir nicht“. Aber dann klappt es und wir verlassen den kleinen Ort gesättigt und zufrieden.

Deggendorf

Unser Weg führt uns – durch kleine Schwimmpausen an romantischen, einsamen Schotterbänken unterbrochen – nach Deggendorf, wo wir beim „Deggendorfer Ruderclub von 1876“ anlanden. Dort findet im piekfeinen Clubrestaurant eine Hochzeit statt. Wir halten uns sehr fern, weil wir enorm underdressed sind. Junge, gastfreundliche Clubfunktionäre erlauben uns, unsere Boote auf einem Rasenstück unterzubringen. Noch während wir das tun, fällt eine Horde deutscher PaddelkollegInnen auf dem Gelände ein. Wo vorher unsere drei einsamen Kajaks lagen, sieht es jetzt aus wie auf einer Bootswerft.



Erich hat ein neues Zelt. Er würde es gerne mal einweihen. Im Hinblick auf die Hochzeitsgesellschaft und den Massenbetrieb lässt er sich aber ziemlich schnell zu einem Hotelaufenthalt überreden. Wir checken ein, und wie am Vortag verwandeln wir uns nach dem Duschen blitzschnell in Touristen. Als solche fallen wir selbstverständlich über die Altstadt her. Wir besichtigen den in der Mitte des Hauptplatzes stehenden Rathausturm (Sind wir im Kreis gefahren?), durchwandern die Altstadt Länge mal Breite, schlagen uns bei einem Griechen den Magen voll, achten auf einen geregelten Flüssigkeitshaushalt und gehen dann als brave und solide Natursportler früh ins Bett. Dieses verlassen wir nur deshalb, weil um sieben Uhr ein opulentes Frühstück ruft. Und dann ruft schon wieder die See – bzw. etwas bescheidener – der Fluss. Wir stechen in diesen und fahren in Badeetappen (Erichs Motto: „Der Weg ist das Ziel“) weiter in Richtung Auto.



Unser Donaustrom bietet dabei alles, was ein Fluss nur bieten kann. Mäander, breite Schotterbänke, romantische Dörfchen hinter Hochwasserdämmen, warmes und sauberes Badewasser, schöne Fließgeschwindigkeit. Fünf Kilometer vor Vilshofen setze ich mich gegenüber dem Örtchen Pleinting von unserer Kleinstgruppe ab, um meinen Freunden noch die schöne Landschaft zu gönnen, während ich in Vilshofen bereits mein Faltboot zerlege und verpacke. Die beiden bewundern aber nicht die schöne Landschaft, sondern beschließen die Fahrt mit einem Besuch des Dorfes Pleinting. Es dürstet sie nach Kaffee. Zunächst ist ihnen kein Erfolg beschieden, sondern nur Auskünfte wie „Heute geschlossen“, „Vorübergehend geschlossen“ und „Heute Ruhetag“. Irgendwie werden sie dann doch fündig, möbeln ihren Blutdruck auf und tauchen zwanzig Minuten nachdem ich meine Verpackungsarbeiten erledigt habe, bei der Anlegestelle des „Ruderclub Vilshofen“ auf.



Vilshofen

Im Schweiße unseres Angesichts packen wir das Auto voll, wuchten zwei Kajaks auf die Gepäckträger, verzurren das Ganze verkehrstauglich und fahren dann auf vier Autorädern, ins Stadtzentrum. Gerald macht sich auf Hotel-, Erich auf Parkplatzsuche. Beides wird gefunden und schon bald sitzt jeder von uns, sauber geduscht, vor einem großen Bierglas. Dann fällt Sturm ein. Mehrere Kellnerinnen und Kellner evakuieren den Gastgarten. Auch Topfpflanzen, Tischtücher und Schirme werden gerettet. Im Schutz des Restaurants erleben wir, was wir im Boot nicht gerne erlebt hätten: Der Wetterbericht war zutreffend.

Weil auch das größte Unwetter mal vorbei ist, war es uns auch hier in Vilshofen vergönnt, unserem Touristentrieb nachzugeben. Von einem plötzlichen religiösen Eifer befallen, beschließen Gerald und Erich, zu jeder hier verfügbaren Kirche zu wallfahren. Pech, dass die Kirche der Vilshofner Abtei ganz oben auf einem Hügel liegt. Ich kann die beiden nicht dazu überreden, sich auf die leiblichen Genüsse zu verlegen. Ihrem Argument, dass durch die Bootsfahrt unsere unteren Extremitäten stark unter-trainiert sind, habe ich nichts entgegenzusetzen und so beschließen wir diesen Tag als Bergsteiger. Die Kirche erweist sich als schön. Ich entdecke am Zifferblatt einer Uhr auf einem der beiden Türme der Abtei die Tierkreiszeichen (!). Irgend ein esoterischer Uhrmacher dürfte sich hier ausgetobt haben.





Beim Abstieg besuchen wir kurz den Friedhof des Klosters. Bezeichnenderweise gibt es beim Friedhofsgatter nur außen eine Türschnalle. Ein Friedhof ist ja irgendwie eine Einbahnstraße. Wir versuchen die Bedeutung der einzelnen Grabkreuzaufschriften der ehemaligen Klosterinsassen zu erraten und entwickeln dazu verwegene Theorien, die wir auch auf dem Marsch zum italienischen Eissalon weiterspinnen. 

Nach Überquerung des Flusses Vils, fällt uns ein riesiges Fassadengemälde auf, das einen gewissen Ritter Tuschl würdigt, der einen Schild mit der Aufschrift „Alain“ trägt. Es steht auch eine Jahreszahl dabei: 1376.
Im Eissalon angekommen, überlassen wir uns süßen Versuchungen. Dann machen wir uns auf den Weg zurück ins Hotel um uns noch ein kleines alkoholisches Getränk zu genehmigen und der Kellnerin und ihrem Chef mit der Bitte um Auskunft über jenen Ritter Tuschl peinliche je 30 Sekunden zu bereiten. Die zwei haben offensichtlich im Heimatkundeunterricht nicht aufgepasst. Bevor wir ins Bett verschwinden fängt uns dann der Chef nach einer Blitzrecherche aber doch noch ab und erzählt uns die Mär vom Treiben des Ritter Tuschl. Sollte diese jemanden interessieren, Wikipedia gibt Auskunft :-)

Passau

Da wir auf dem Rückweg ohnehin durch Passau müssen, schieben wir noch eine Kurzbesichtigung dieser Stadt ein. Weil wir nicht mit dem Boot angereist sind, gilt diese Besichtigung natürlich nur sehr eingeschränkt als Teil der Kajak-Reise. Obwohl: die Boote haben wir ja dabei! Am und im Auto zwar, aber immerhin.
Erich setzt im Stadtgebiet von Passau noch ein bayrisches Weißwurst-Abschiedsessen durch, und dann geht’s heim. Das Ende einer kulinarisch-kulturellen Donau-Städte-Kreuzfahrt mittels Muskelkraft.

Schlussbemerkung

Es versteht sich fast von selbst, dass wir unserem abgängigen vierten Mann, Erwin, täglich abends telefonisch Bericht über unsere Erlebnisse, Erfahrungen und Heldentaten erstattet haben. Als Expeditionsplaner hat er Anspruch darauf.
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Nachtrag von Erich nach dem Lesen dieses Berichtes

"... wobei mir nicht verborgen blieb, welche "elementaren" Ereignisse nicht einmal am Rande erwähnt werden. Aber diese wurden ohnehin auf Fotos für die Nachwelt gesichert. Zum Beispiel die hemmungslose Hingabe des Autors an die Genusssucht. Er ist auf diesen Fotos hinter vollen Eisbechern und halbleeren Bierkrügen eindeutig erkennbar."