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20110528

Eine Stadtbesichtigung und fünf Flusswandertage auf der Donau

Paddeln von Regensburg nach Wilhering

Regensburg mit Steinerner Brücke

Will man mit dem Boot von Regensburg nach Linz fahren, muss man zuerst mal mit dem Boot nach Regensburg kommen. Es gelingt mir, meine Frau für ein Wochenende in dieser Stadt zu begeistern und schon habe ich das Transportproblem gelöst. Ein paar Tage später sind wir an einem Freitag bei strahlendem Wetter mit meinem zerlegten Faltboot im Kofferraum unterwegs nach Westen. Problemlos finden wir ein Zimmer in einem Hotel im Regensburger Gewerbegebiet und dann machen wir uns auf den Weg in die Altstadt. Wir durchstreifen Gässchen für Gässchen, nehmen hier und dort einen Happen zu uns, besichtigen die Steinerne Brücke, die schon die Kreuzfahrer unter Ludwig VII. für die Donauüberquerung benützt haben, und suchen darunter nach dem im Lied besungenen Strudel, den es aber nicht mehr gibt. Einem hervorragenden Abendessen in unserem Hotel folgt eine ruhige Nacht mit einem weiteren Tag der Erforschung der Stadt. Heute sind auf jedem Platz und in jeder Gasse in Gruppen auftretende ältere Amerikaner zu sehen, die Schilder mit den Namen ihrer Donau-Kreuzfahrtschiffe umgehängt haben, auf dass sie nicht verloren gehen. Dazwischen bewegen wir uns als Zweiergruppe von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, bis auch der Samstag sich dem Abend zuneigt. Nach einem Abendessen beim Chinesen, folgt der Morgen meiner Abfahrt.

Sonntag:

Zuerst stellen wir das Navigationsgerät unseres Autos auf eine Adresse ein, die wir am Vortag zu Fuß ausfindig gemacht haben und die mich zum Platz des Einbootens bringen soll. Wer auch mal mit dem Kajak von Regensburg wegfahren möchte kriegt nun einen wichtigen Tipp: Mit der Adresse „93059 Regensburg, Weinweg 11“ findet jedes Navi die Stelle, von der man in den Winzerweg einbiegen kann, um auf einer, für Anlieger freien, schmalen Straße zum Kraftwerk unter der Autobahnbrücke zu kommen. Hier baue ich auf einer Wiese mein Falt-Kajak zusammen, küsse meine Frau und stürze mich ins Vergnügen. Jedenfalls fast. Als ich an der Kordel zur Öffnung der Bootsgasse ziehen will, sehe ich ein Schild „Bootsgasse wegen Niedrigwasser gesperrt“. Also Essig mit dem spannenden Start. Boot auf Bootswagen, über Rampe entlang der Bootsgasse das Wehr umfahren, Bootswagen wieder auf das Kajak geschnallt, und dann geht’s wirklich los. Meine Frau winkt noch kurz, freut sich, dass sie nicht mit dem Boot nach Linz muss, sondern ein Auto hat, und schon trennen sich unsere Wege für ein paar Tage. Es ist 10.30 Uhr.

Mein Start in Regensburg war bei Donau-Stromkilometer 2379,7 (so viele Kilometer sind es bis zum Schwarzen Meer). Ich unterfahre Regensburgs Brücken und Stege, unter anderem die völlig strudellose, berühmte Steinerne Brücke, achte darauf, im Stadtgebiet nicht von einem der zahlreichen Kreuzfahrtschiffe gerammt zu werden und bewege mich an der weit oben thronenden Walhalla vorbei zunächst auf das Kraftwerk Geisling zu.

Walhalla

Die Donau ist hier wegen des Staus sehr breit. Leider ist Wochenende, was bedeutet, dass nicht nur Segelboote, sondern auch jede Menge Motorboote und Wasser-Motorräder mit irrer Geschwindigkeit unterwegs sind. Ich finde die Umtragestelle links, aber auf der anderen Seite des Schleusenarms. Hier finde ich hervorragende Bootswagen in einer „Garage“. Dann schiebe ich mein schwer beladenes Fahrzeug – na ja, Zelt, Schlafsack, Proviant, Reservekleidung, Wasservorrat etc. - nun erstmals auf dieser Reise über Land bis unterhalb des Kraftwerks. Nach dem Einsetzen merke ich, dass hier kaum mehr Strömung ist als oberhalb. Die Donau ist hier wieder schmal und mäandert. Die nächste Strecke brennt die Sonne herunter und ich genieße die Landschaft. Am Nachmittag beginnt sich das Wetter aber zu ändern. Die Donau ist hier unten immer noch schön blau, aber der Himmel über mir wird schwarz und schwärzer. Ich hätte zwar noch vorgehabt ein schönes Stückchen zu fahren, liebe es aber,das eher im Trockenen zu tun. Als der Himmel noch dunkler wird, beschließe ich bei Stromkilometer 2351 mein Zelt aufzuschlagen. Ich entdecke linksseitig eine geeignete Stelle und eine halbe Stunde später trommelt schon der Regen auf mein Dach und der Wind rüttelt meine Zeltwände durch. Im Inneren ist es aber warm und gemütlich. Eine Stunde später ist der Spuk vorüber, aber ich habe mich heute schon auf Feierabend eingerichtet und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.


Montag:

Am nächsten Tag geht es früh los. Nach Katzenwäsche kommt Zeltabbau und Bootsbepackung. Dann die ersten Paddelschläge. 22 km weiter versperrt mir das Kraftwerk Straubing den Weg. Hier gibt es eine Bootsgasse! Ich fahre langsam darauf zu, hänge mir meine Kamera um den Hals, starte knapp vor der Einfahrt in die Gasse die Videofunktion und bin auch schon unterwegs nach unten. Ich verlasse mich darauf, dass die durch Rippen am Boden der Bootsgasse erzeugten Wirbel mein Boot automatisch in der Gassenmitte halten. Sie tun es nicht. Das Boot dreht etwas quer und verklemmt sich am rechten Rand, von wo ich es mit Einsatz meines Paddels als Hebel wegzubringen versuche. Als das gelungen ist, steuere ich es mit steilem Paddeleinsatz rechts oder links – je nachdem welche Richtung der Bug zu nehmen droht – in Richtung Kanalende.

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Die Strecke hinter Straubing ist wunderschön. Der Fluss mäandert, es gibt Schotterbänke und die Schiffahrtsrinne ist so schmal, dass man kaum glauben kann, dass hier die großen Schiffe Platz haben. Ich orientiere mich immer an den Bojen – rechts rot, links grün – um nicht plötzlich hinter einer Kurve mitten in der Fahrrinne vor einem Riesenschiff flüchten zu müssen. An einer Insel, die ein Vogelschutzgebiet ist, fahre ich mehr als zehn Minuten lang unter einer Wolke von Möwen durch, die schreien, als ob es ihnen ans Leben ginge. Dabei komme eher ich mir vor wie im Film „Vögel“ von Hitchcock.
Nach 62 km beschließe ich für heute genug gearbeitet zu haben und suche mir bei km 2289 am rechten Ufer, gegenüber einem Motorboot-Club, einen Platz für mein Zelt. Als ich dieses aufgebaut habe, schaue ich meinen Wasservorrat durch und denke mir, es könnte nicht schaden, diesen etwas aufzufrischen. Also mache ich mich mit zwei großen Pet-Flaschen auf den Weg zum nächsten Haus. Das ist nach zehn Minuten Fußmarsch schnell gefunden. Ich läute an der Tür, höre drinnen ein Geräusch, dann absolute Stille. Ich kann mir vorstellen, was da abläuft. Trotzdem läute ich noch einmal. Niemand rührt sich. Wahrscheinlich hätte ich mir auch nicht aufgemacht, wenn ich mich draußen stehen gesehen hätte. Sicher wäre es besser gewesen, mich vorher zu waschen, zu kämmen, zu rasieren und umzuziehen. Um die armen Leute nicht weiter zu verschrecken, mache ich mich auf den Weg zu einem anderen Bauernhof. Auf der Schotterstraße höre ich von hinten einen Traktor kommen. Ich winke ihm zu. Der Fahrer, ein junger Bauer, zieht geräuschdämpfende Stöpsel aus den Ohren und fragt mich mimisch nach meinem Begehr. Ich erkläre ihm, dass ich gerne irgendwo meine beiden Flaschen auffüllen würde und er sagt, ich solle ihm zum Bauernhof folgen. Er sprintet mit dem Traktor voraus und informiert augenscheinlich seine Mutter, die mir misstrauisch entgegen schaut, mich aber aufgrund der vorausgehenden Information ihres Sohnes jedenfalls nicht des Hofes verweist, sondern auf einen an der Außenmauer des Hauses angebrachten Wasserhahn deutet. Sofort fülle ich meine beiden 1 ½ l Kunststoffflaschen. Eine davon trinke ich sofort aus und fülle sie vor der staunenden Bäuerin neu. Sie weiß nun, sie hat ein Leben gerettet.
Bei meinem Zelt-Zuhause angekommen, reiße ich mir die Kleider vom Leib, springe in die Donau, wasche mir die Haare und kühle mich ab. Ich fühle mich jetzt wieder so ähnlich wie ein Mensch.

Um acht Uhr liege ich im Bett (naja, zumindest auf meiner Iso-Matte) und um fünf Uhr früh gehe ich den nächsten Tag an.

Dienstag:



Abfahrt um 6.00 Uhr. Wunderschöne Fahrt auf dem morgenfrischen Fluss. Kaum Wind. Die im Osten noch tief stehende Sonne blendet mich. Ich paddle einige Stunden durch. Links und rechts tauchen immer wieder die Dächer von Dörfern auf, die hinter dem Damm der aufgestauten Donau und den Hochwasserschutzwänden versunken scheinen. Gegen 10.00 Uhr fahre ich links an einem sehr nahen Dorf vorbei und sehe einen einsamen Aluminiumkahn verankert. Den steuere ich an, weil er eine der seltenen Gelegenheiten zum Anlanden darstellt. Ich vertäue mein Boot längsseits und steige über den Kahn aufs Trockene. Erst jetzt sehe ich, dass der gesamte Uferstreifen eine einzige Baustelle für eine Hochwasserschutzwand ist. Gott sei Dank finde ich nach ein paar Metern eine Stelle, die ich überklettern kann. Dann mache ich mich auf den Weg durch das verschlafene Dorf. Ich finde eine Metzgerei, bei der ich eine Bratenfleischsemmel für Mittag und eine Specksemmel für den Abend oder den nächsten Tag erstehe. Ich zahle ungefähr ein Viertel von dem, was ich angenommen habe, dass es kosten würde. Im Geschäft erfahre ich, dass es hinter dem Dorf einen Hafen gibt, der mir das Überklettern der Baustelle erspart hätte.

Bei Stromkilometer 2237,8 sehe ich am linken Ufer „Gasthof-Pension Fischer-Stüberl“ mit einer wunderbaren Anlegestelle, die ich sofort ansteuere. Ich vertäue mein Boot, kontrolliere, ob es hier die Wellen großer Schiffe unbeschadet aushalten kann und erkundige mich bei einer gehetzten Kellnerin nach einem freien Zimmer. Sie ersucht mich zu warten, bedient ihre Gäste fertig und schaut dann im Computer nach, ob es eine Chance für mich gibt. Es gibt sie nicht. Alle Zimmer belegt. Ich aber gebe nach 51 heißen Kilometern nicht auf: „Könnte ich im Garten hinter dem Haus mein Zelt aufbauen?“. Diese Frage greift. Sie ruft den Chef an, der gibt telefonisch die Erlaubnis und fünf Minuten später sehen mich die Leute im Gastgarten schon reichlich mit meinen wasserdichten Bootssäcken bepackt nach meinem Garten-Zeltplatz streben.
Nach einem opulenten Abendessen im Gastgarten gehe ich wieder früh zu Bett, weil ich am nächsten Tag wieder den kühlen Morgen für die ersten paar Stunden nutzen möchte.

Mittwoch:

Heute strebe ich den winzigen Ort Inzell in Österreich, am Ende der Schlögener Schlinge an, der auf Stromkilometer 2182,4 liegt.
Um sechs Uhr schaukle ich schon wieder auf den Wellen. Nach sieben Kilometern kommt das Kraftwerk Kachlet. Auch hier gibt es wieder hervorragende Bootswagen zum Umtragen. Nach dem Kraftwerk und dem Passieren der Stadt Passau, mit unzähligen verankerten Personenschiffen, kommt ein schöner Donauabschnitt, den ich sehr genieße.



Die Fließgeschwindigkeit ist gering und nimmt bis zum 27 km entfernten Kraftwerk Jochenstein stetig ab. Die Qualität der Umsetzstelle für Sportboote in Jochenstein ist nicht berühmt. Eine Tafel zeigt an, dass die Bootswagen in ein paar hundert Metern Entfernung zu finden seien. Ich mache mich auf den Weg, um festzustellen, dass es zwar Bootswagen gibt, aber nur für Lieblinge des Kraftwerks. Die Fahrgeräte sind nämlich mit Vorhangschlössern versperrt! Also nichts wie zurück, mein Boot auf die Rampe gezogen und meinen eigenen kleinen, mitgeführten Bootswagen aktiviert. Ich ersuche einen vorbeikommenden Radfahrer, mir dabei zu helfen, die Räder unter meinen Kajak zu bekommen. Der steigt sofort ab, ich hebe den Bug meines Bootes an, er schiebt das Wägelchen darunter und schon kann ich die Gurten verzurren. Währenddessen berichtet er mir, gerade vom Schwarzen Meer zu kommen, von Constanza, in Rumänien. Dann erzählt er mir noch ein paar Minuten von seiner Reise, bevor er weiterfährt. Welch ein Glück, dass die Bootswagen versperrt waren!
Vom Kraftwerk Jochenstein weg kommt wieder ein sehr schöner Donauabschnitt. Zunächst geht es an Engelhartszell und dem Kloster Engelszell vorbei, dann durch die Schlögener Schlinge bis zu meinem heutigen Zielpunkt Inzell. Bereits von Jochenstein aus habe ich telefonisch ein Zimmer bestellt. Ich stelle an einer Rampe das Boot wieder auf meinen Bootswagen, ziehe das Gefährt zum Gasthaus, wo ich mir eine Dusche und anschließend jede Menge Flüssigkeit im Gastgarten genehmige. Dann folgt ein Spaziergang und mein Abendessen.
Weil ich es schon so gewöhnt bin, gehe ich auch heute wieder früh schlafen. Frühstück gibt's um acht, wird mir gesagt. Um diese Zeit werde ich aber schon wieder zwei Stunden unterwegs sein.

Donnerstag:

Sechs Uhr Aufbruch und wieder eine sehr schöne Fahrt auf einem mir bestens bekannten Donauabschnitt, den ich schon viele Male von oben nach unten und unten nach oben befahren habe. Mein Ziel ist heute Wilhering.
Knapp vor diesem Zielpunkt liegt zunächst noch das Kraftwerk Aschach, bei dem ich schon x-fach Boote umgesetzt habe und dann das Kraftwerk Ottensheim. Diesmal hat es die Umsetzanlage von Aschach aber in sich! Ich ersuche eine Frau, die zufällig vorbeikommt, mir dabei zu helfen, den Bootswagen unter das Boot zu schieben, während ich das Faltboot wie gewohnt anhebe. Sie macht das bereitwillig. Das Boot sitzt bereits auf den Rädern, wenn auch noch etwas schief, als ich plötzlich ausrutsche und kopfüber ins Wasser falle. Schlammbedeckt und völlig nass krieche ich wieder an Land und bedanke ich mich bei der überraschten Dame. Dann karre ich mein Boot zur Einsetzstelle unterhalb des Kraftwerks. Dort heißt es dann für mich: Bootssäcke mit Handtuch und Reservekleidung heraus, abtrocknen, umziehen und alles wieder einpacken. Ich schiebe mir dann noch ein Stück Wurst, eine Schnitte Brot und einen Müsliriegel zwischen die Zähne, weil ich nach diesem Bad etwas Aufbauendes brauche.
Auf dem Abschnitt zwischen Aschach und Kraftwerk Ottensheim grüße ich eine stromauffahrende Dame, die hinter mir wendet, dann aufschließt und ein Gespräch mit mir beginnt. So wird der letzte Abschnitt meiner Fahrt noch recht kurzweilig. Sie erzählt, dass ihr Mann ein begeisterter Paddler ist, mit dem sie heute schon den Weg von Linz herauf hinter sich hat. Ihr Mann war es auch, der sie zum Paddeln gebracht hat. Er war Rennpaddler und hat bereits zum wiederholten Mal am „Yukon Quest“ in Kanada teilgenommen, der so wie das berühmte Schlittenhunderennen organisiert ist, aber mit Paddelbooten ausgetragen wird. Dabei geht es über mehr als 750 km den Yukon runter bis nach Dawson City.
Beim Krafwerk angekommen, holt sie für mich einen Bootswagen. Für sie selber braucht sie keinen, weil ihr 15 kg-Boot ohne Gepäck leicht zu tragen ist. Unten angekommen verabschieden wir uns und sie zieht mit ihrem Rennkajak nach Linz weiter, während ich nach der Regattastrecke im Ottensheimer Altarm rechts nach Wilhering einschwenke. Bei Kilometer 2144, gleich hinter der Fähre Wilhering-Ottensheim, gibt es nämlich eine Rampe, die zu einer großen Liegewiese führt, die sich hervorragend dafür eignet, mein Faltboot zu zerlegen und die Bootshaut und die übrige Ausrüstung aufzulegen und in der Sonne trocknen zu lassen. Es gibt auch eine schöne Zufahrt für das Auto, mit dem mich meine Frau bald abholen wird. Ich werde viel zu erzählen haben.

Ottensheim von der Wilheringer Seite aus gesehen

20100824

Drei-Mann-Kajak-Genussfahrt

Donauerlebnisse im Kajak von Linz nach Tulln

Die Idee war von Erwin. Sie wurde im Winter geboren: „Wir sollten mal eine gemütliche mehrtägige Kajak-Reise auf der Donau machen.“ Angebissen haben Erich, Gerald und ich. Als es soweit war, bekam Erich massive Probleme mit einem Knie, worauf es statt einer Vier-Mann-Genusstour zu einer solchen für drei Mann gekommen ist. 

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Mittwoch war der Stichtag. Ich setze schon in Wilhering bei Stromkilometer 2145 ein, weil ich Gerald von Puchenau aus bis zum Treffpunkt mit Erwin in Linz begleiten will. Da sehr hoher Wasserstand ist, der alle Schotterbänke verschwinden hat lassen, übersehe ich ihn fast. Dann schaukeln wir aber doch gemeinsam nach Linz. Beim vereinbarten Treffpunkt zwischen Eisenbahn- und Vöest-Brücke, bei Stromkilometer 2133,7 sitzt Erwin schon im Boot und seine Frau schießt noch ein paar Erinnerungsfotos von ihm, weil sie nicht sicher ist, ob sie diesen Mann auf seinem schaukelnden Zahnstocher jemals wiedersehen wird. Ihren Arbeitskolleginnen schildert sie die Abfahrtsszene aber wie folgt: „Die zischen ab wie junge Hunde, wenn man sie von der Leine lässt!“.
Als der Abschiedsschmerz bei Erwin etwas abgeklungen ist, beginnt die Genusstour, die uns am ersten Tag nach Grein führt, wo wir um sieben Uhr abends ankommen. Wir ziehen zunächst am Vöest-Stahlwerk vorbei, kommen zur Traunmündung und dann linksseitig zu unserer ersten Umsetzanlage Abwinden-Asten.

Gemeinsam meistern wir die Über- windung des Niveau- unter- schiedes zwischen vor und nach dem Kraftwerk und freuen uns, dass das Wasser unten wieder ordentlich fließt. Wir passieren Mauthausen, sehen die Enns von rechts hereinfließen, machen mal eine kurze Essenspause und paddeln fleißig dahin, weil wir uns für heute Grein als Etappenziel vorgenommen haben und dazwischen liegt immerhin noch das Kraftwerk Wallsee-Mitterkirchen, mit dem davor liegenden Stauraum und dem fünf Kilometer langen (entspricht gefühlten zehn Kilometern), strömungslosen Altarm. Weil's schon spät wird, setzt sich Erwin an die Spitze und „zieht“ eine Weile, damit kein Schlendrian einreißt. Als wir unter der Donaubrücke zwei Kilometer vor Grein, das auf Stromkilometer 2079 liegt, durchfahren, keimt Hoffnung auf, dass das die letzten Stunden von uns imaginierte Bier nicht mehr weit entfernt sein dürfte. Bei 2079,5 schwenken wir elegant in den Greiner Bootshafen und machen uns anschließend auf die Suche nach dem Campingplatz. Der ist nicht sehr bootsfreundlich angelegt. Wir fahren mit unseren Booten auf Rädern gewissermaßen mit der Kirche ums Kreuz, eräugen aber schließlich den Eingangsschranken, den wir mit unseren Booten glatt und unkompliziert unterfahren. Gerald wird zum „Papa“ erklärt, der für uns Kinder die Anmeldefomalitäten an der Rezeption erledigt und auch die Gebühr vorschießt. Diese Rolle behält er trotz Widerstandes seinerseits bis zum Schluss bei. Dann kommt Zeltaufbau. Gerald hat ein Zelt, das er einfach auf den Rasen wirft und das sich nach einigem Winden und drehen wie ein Wurm von selber aufstellt. Ich staune. Nach diesem Erlebnis kommt eine gemeinsame Gasthaussuche, dann Seidel*), Seidel, Seidel und Abendessen. Als Schwerarbeiter benötigen wir Kalorien.
*) Übersetzung für Leser aus Deutschland: Seidel

Donnerstag. Nachts regnet es. Ich schlafe schlecht und gehe daher schon um fünf Uhr dreißig zur Körperpflege in die Sanitäranlage. Vorteil: noch kein Gedränge. Als wir uns später aus unseren Zelten schälen, sind diese nass. Alle haben nicht besonders gut geschlafen, was hauptsächlich am Straßenlärm gelegen ist. Wir beschließen, in den Markt essen zu gehen. Erstens haben wir Hunger und zweitens sollen die Zelte abtrocknen, bevor wir sie einpacken. Es wird ein gemütliches, ausgedehntes Frühstück. Ergebnis: Wir satt und die Zelte trocken. Gerald entdeckt, dass sich sein Zelt zwar von selber aufstellt, aber nicht auf Knopfdruck zusammenlegt. Er wirft sich mit vollem Körpereinsatz ins Geschäft, ist aber der Letzte, der die Verpackung schließt. Um elf Uhr haben wir die Boote wieder im Wasser und sausen rechts an einer Insel vorbei über Struden und St. Nikola in Richtung Ybbs.

Weil wir gestern fleißig waren, beschließen wir heute faul zu sein. Immer wieder lassen wir uns treiben und unser Tagesziel stecken wir uns kurz. Oder eigentlich überhaupt nicht. Wir schauen mal, wo wir angeschwemmt werden. Das Kraftwerk Ybbs-Persenbeug zieht uns aber dann den Zahn. Die Umsetzanlage dort ist eine Problem-Umsetzanlage. Anscheinend nicht nur für uns, denn beim Zerlegen meines Faltbootes in Tulln werde ich von einem Herrn angesprochen, der sich auch als Faltbootfahrer zu erkennen gibt. Was er wissen will: „Hat sich bei der Umsetzanlage in Ybbs schon was verändert?“ Man war dort nicht fähig, die Lage der Umsetzanlage vorher auszuschildern (Beispiel: Sportboot-Umsetzanlage in 500 m). Wir finden sie in langsamer Fahrt rechts unmittelbar vor der Staumauer. Es gibt keine Rampe zum Herausziehen der Boote. Man muss sie auf eine Kunststoffplattform heben und dann zu zweit zwei Meter über eine Brücke auf den Betonweg hieven. Nach langem Marsch kommen wir an eine Stufenanlage, wo die Boote hinuntergetragen werden müssen. Wahrscheinlich ein Test für Alleinfahrer, wie man Schwierigkeiten meistert, ohne durchzudrehen. Bei Booten mit Reisegepäck für mehrere Tage ist es auch im Verband einer Gruppe ziemlich lustig. Wir verfluchen sowohl den Erbauer, als auch den Betreiber der Anlage bis in die sechste Generation und darüber hinaus. Also nicht ganz, aber beinahe.

Von Stromkilometer 2059 bis 2054 fahren wir um die Ybbser Scheibe und finden dann kurz vor Marbach linksseitig bei 2050 auf der Suche nach einem Campingplatz einen Bootshafen, wo uns ein freundlicher Restaurantbesitzer Auskunft gibt. Der Campingplatz gefällt uns nicht, weil er so wie der letzte an einer Straße liegt und wir keine zweite laute Nacht haben wollen. Der Restaurantbesitzer erweist sich als Engel. Er organisiert Zimmer in einer Pension, bringt uns mit dem eigenen Auto hin und holt uns am nächsten Morgen auch dort wieder ab. Darüber hinaus sorgt er für die sichere Unterbringung unserer Boote. Wir freuen uns und watscheln, jeder mit drei wasserdichten Bootssäcken unter den Armen, in die Pension. Es folgen Dusche und Restaurantbesuch, wo wir unsere akute Austrocknung medizinisch behandeln.

 Freitag. Gut geschlafen, gut gelaunt. Wir werden mit dem Auto zu den Booten befördert, bepacken diese kunst- gerecht und schon wieder sind wir am Wasser. Rechts zieht Pöchlarn, links Klein-Pöchlarn vorbei, es folgen Augebiete und dann taucht das Kraftwerk Melk in der Ferne auf. Sehr schöner Altarm. Pause. Jause. Die Weiterfahrt bringt uns die Erkenntnis, dass es Kraftwerke gibt, wo man zweimal übertragen muss. Am Ende des Altarmes ist eine kleine Wehr und die Übertragungsprozedur ist ein zweites Mal vorzunehmen. Wäre nicht so schlimm, wenn die Ausfahrtsrampe nicht völlig mit vermoderndem Astwerk verstopft wäre. Es stinkt. Erwin und ich räumen die Rampe mit Todesverachtung. Im Unterwasser angekommen, sehen wir das Stift Melk in voller Pracht. Links kommt Emmersdorf, dann die große Straßenbrücke bei 2034,5. Zweieinhalb Kilometer weiter liegt auf der rechten Seite Schönbühel. Von der Donau aus gesehen weiß man, warum es so heißt. Auenlandschaft. Aggsbach Markt. Links Willendorf, der Fundort der berühmten 25.000 Jahre alten Venus. Bei Schwallenbach sprudelt und brodelt das Wasser von unten, was den Verdacht aufkeimen lässt, dass der Name der Ortschaft nicht bloß gut erfunden ist. Nach einer Rechtskurve, kommt links Spitz. Diesen Ort haben wir in demokratischer Abstimmung zu unserem heutigen Nächtigungsort erkoren. Wir fahren die ganze Ortslänge ab. Starke Strömung und keine vernünftige Stelle zum Anlegen. Am Ortsende ist ein Bootshafen. Wir retten uns hinein, legen an der Slipanlage an und gehen fragen, ob wir das eigentlich dürfen. Auch dieser Chef ist ein netter. Wir dürfen die Boote in der Slipanlage liegen lassen und bekommen einen Schlüssel für das Gatter. Keine Kaution, nur mein Name wird verlangt. Als die Hausgäste auf der Terrasse des Bootsclubs mitbekommen, dass wir Zimmer suchen, beginnt sofort ein heftiges Telefonieren mit den Handys. Ergebnis: Wir werden im Hotel Mariandl, gleichzeitig Gunther Phillipp Museum und nur 500 Meter entfernt, untergebracht. Hier haben seinerzeit die Schauspieler der Wachau-Filme gedreht und geschlafen. Das Hotel ist gepflegt, dürfte sich aber seit der Zeit Hans Mosers nicht wesentlich verändert haben. Nach Dusche und einer halben Stunde Rast drehen wir eine Ortsrunde um den Tausendeimerberg, kehren bei einem Heurigen ein und genießen die original Wachauer Angebote. Diesmal rinnt einiges an gutem Wein durch unsere Kehlen. Natürlich gerade so wenig, dass wir noch aufrechten Ganges und ohne zu schwanken durch dunkle Gassen zum Hotel zurückfinden. Mit dem Schlussachterl im Hotel wird es nichts, weil um zehn Sperrstunde ist. Auch gut. Geh'n wir schlafen. Wer weiß, wozu es gut ist.


Samstag. Herrliches Frühstücksbuffet. Dann pilgern wir mit den Bootssäcken zurück zum Hafen, schließen das Tor mit unserem eigenen Schlüssel auf, liefern diesen ab und schon sind wir wieder auf der Donau. So wie gestern ist auch heute ein schöner Sonnentag. Links kommt Weißenkirchen, dann Dürnstein.

An Dürnstein vorbei lassen wir uns mit dem Heck nach vorne treiben, weil wir uns an dem maler- ischen Ort mit der blauen Kirche und der Burgruine kaum sattsehen können. Ähnlich geht es uns ein paar Kilometer weiter in Krems. Ja und dann haben wir ein anderes, sehr dringendes Bedürfnis. Der Mensch braucht manchmal eine Pinkelpause. Hoffnungsfroh fahren wir bei Stromkilometer 2000 links in den Yachthafen ein. Es ist der abweisendste Platz des Universums. Alles ist verboten und man kann mit Sportbooten auch nicht wirklich anlegen. Kein Mensch grüßt. Man will unter sich bleiben. Man darf. Wir verlassen diesen schrecklichen Ort. Es folgt ein Feuerwehrfest mit Zillenübungen. Auch hier sind wir offensichtlich nicht willkommen. Aber dann: 500 Meter weiter findet Erwin auf der rechten Seite den freundlichen Hafen für Segelboote.

Hier können wir unsere Bedürfnisse stillen. Essen, rasten u.s.w. Hier machen wir auch unsere Pläne für die zweite Hälfte des heutigen Tages und den Sonntag. Wir entschließen uns, heute Zwentendorf anzulaufen, was 45 Tageskilometer bedeutet und für morgen eine Leicht-Etappe von 15 Kilomentern vorzusehen, damit wir bereits am Nachmittag von Tulln aus die Heimreise antreten können. Alle informieren daraufhin telefonisch die netten Ehepartner bzw. Angehörigen, die uns abholen wollen. Dann geht’s ab nach Zwentendorf. Tja, da wäre nur noch die Kleinigkeit des Krafwerkes Altenwörth mit seinem Rückstau, seiner linksseitigen Umsetzanlage, dem langen Altarmsee und dem Wehr am Ende, das wieder ein zweites Umtragen erfordert. Sportbootfahren heißt eben auch leiden. Nach den Mühen dieses Tages freuen wir uns auf die Rast in Zwentendorf. Wir legen an einer Schotterbank an und ich werde ausgeschickt um eine Nächtigungsmöglichkeit zu erkunden. Nach einer halben Stunde komme ich mit einer freudigen Botschaft zurück. Ich habe in einem guten Hotel drei Zimmer reserviert. Und das Ganze ist nur 300 Meter weg. Inzwischen haben Gerald und Erwin auch eine Stelle entdeckt, von der man die Boote zu einer Straße tragen kann, um sie dann auf unseren Bootswagen zum gewünschten Ziel zu ziehen. Wir treideln die Boot zu dieser Stelle, schleppen sie auf Straßenniveau und stehen kurz darauf vor dem Rathaus, das sich auf unserem Weg zum Hotel befindet. Gerald schlägt ein Foto vor: Wir vor dem Rathaus, davor unsere beräderten Boote. Erwin überredet einen vorbeikommenden jungen Tschechen auf Englisch uns zu fotografieren. Es gelingt.


Beim Hotel dürfen wir die Boote auf einem Rasenstreifen hinter einer versperrbaren Gartentür parken. Gewonnen. Dusche, Seidel, Ortsspaziergang, Wirtshausessen, Seidel, Achterl, Achterl, Achterl. Man ist erstens durstig und befindet sich zweitens auf einer Genusstour. Zum Schluss versprechen wir uns noch gegenseitig, uns morgen Früh nicht zu rasieren, damit wir uns unseren Angehörigen zu Hause so präsentieren können, wie man sich verwegene Abenteurer, die fünf Tage in der Wildnis verbracht haben, gemeinhin vorstellt.


Sonntag. Halb acht Uhr früh. Frühstücksbuffet. Wir alle sind unrasiert. Abfahrt um 9. Heißer Tag. Was tut man, wenn man nur 15 km zu fahren hat, aber nicht zu früh ankommen will? Teilweise wird dieses Vorhaben durch die Tullner Motorbootfahrer unterstützt. Es sind nicht wenige und sie scheinen alle irgend einen Gen-Defekt zu haben. Jedenfalls fahren sie so. Ausnahmslos knallen sie mit irrer Geschwindigkeit so eng wie möglich an unseren Kajaks vorbei. Zusammen mit den zahlreichen Ausflugsschiffen sorgen sie für eine ordentlich aufgesprudelte Donau, die uns natürlich trotzdem nicht so lange aufhält, dass wir nicht schon um halb elf im wunderschönen Gästehafen der gepflegten und freundlichen Stadt Tulln ankommen würden. Der Gästehafen liegt ca. einen Kilometer hinter der beeindruckend schönen Straßenbrücke und noch vor der Eisenbahnbrücke. Wir ziehen die Boote über die Rampe auf eine üppige Rasenfläche.

Erwin und Gerald haben's gut: Während ich mein Faltboot zerlege und trockne, versehen sie ihre Hart- schalen-Kajaks nur mit einer Persenning und werfen sich ins sonntägliche Stadtgetümmel. Dafür kann ich mein Boot im Kofferraum transportieren und anschließend in einem Fach in meinem Kellerregal parken. Eineinhalb Stunden später ist mein Faltboot samt prallen Bootssäcken bereits fest auf meinem zum Transportkarren umgebauten Aluminium-Bootswagen verzurrt und meine Frau taucht schon im Stadtpark auf. Ich stelle ihr meine beiden zerlumpten und unrasierten Abenteuerkumpanen vor. Man begrüßt sich und weil meine Freunde freundliche Leute sind, helfen sie uns beim Transport meines jetzt zum schnöden Gepäck verkommenen, einst stolzen Bootes, zum Auto. Ein letzter Händedruck und eine Drei-Mann-Kajak-Genusstour ist zu Ende. Aber nicht für immer! Erwin droht damit, sie zur Institution zu machen und jährlich zu wiederholen.

Und noch was: Natürlich haben wir unseren zu Hause gebliebenen vierten Mann, Erich, täglich abends über die Geschehnisse des Tages informiert. So war auch er irgendwie dabei und kann sich schon jetzt auf die ungeheuerlichen Strapazen einer solchen Donau-Kajak-Genusstour im nächsten Jahr einstellen.